Abreisetage stehen irgendwie immer unter Strom. Haben wir wirklich an alles gedacht? Akkus geladen? Ein zweites Paar Schuhe eingepackt? Ist der Zug pünktlich? Welcher Zug? Eher: die Züge. Erst ein Regionalzug (TER) nach Marseille, dann der nächste Richtung Montauban. Mein Mann schlägt vor, direkt zum Bahnhof im Nachbarort Sausset-les-Pins zu radeln, statt an unserer Station in Carry-le-Rouet einzusteigen.
Ich stimme sofort begeistert zu! So sparen wir uns das Drama, zwei verdammt schwere E-Bikes und vier vollgepackte Satteltaschen gut 40 bis 50 Zentimeter hoch in den Zug wuchten zu müssen – und das bei nur einer Minute Aufenthalt (packt im Kopf noch den charmanten südfranzösischen Akzent drauf, dann läuft das!). Carry ist zwar die Perle der Côte Bleue mit einem herrlich idyllischen Bahnhof, wo ab Juni die Zikaden um die Wette zirpen. Aber in Sachen Barrierefreiheit für Fahrräder verwandelt sich die Perle ganz schnell in einen absoluten Albtraum.
Zurück zu unseren treuen Drahteseln Cubiton und Moustache, die sichtlich glücklich den Jasmin-Duft bis Sausset eingesaugt haben. Die erste Etappe auf einer der schönsten Bahnstrecken Frankreichs verläuft tiefenentspannt. Das Meer, die Calanques, die Frioul-Inseln – ein Panorama wie aus dem Bilderbuch.
In Marseille St-Charles treffen wir unsere Freunde samt Fahrräder, mit denen wir schon öfter auf Achse waren (an der Côte d’Azur, auf der Véloscénie bis zum Mont St-Michel und entlang der Loire von Sancerre nach Amboise). Was haben wir nicht schon für Kilometer gemeinsam geschrubbt – und vor allem: was haben wir gut geschmaust!
Jetzt sitzen wir im Zug nach Montauban (mit einem unterirdischen WLAN-Netz 😉, das den Foto-Upload zum Geduldsspiel macht). Die drei Stufen in den Intercités (IC 4764) erklimmen wir nicht auf dem roten Teppich, sondern mit schweißnasser Stirn unserer Männer. Genau dasselbe Spiel wie vor ein paar Wochen bei meinem Trip mit „Ferrari“: ein ziemlich in die Jahre gekommener Zug. Und das Fahrradabteil ist gefühlt eher dafür gebaut, Aale oder Salami aufzuhängen, als schwere E-Bikes.
Erst gestern stand im Figaro ein Artikel über den Spießrutenlauf, den Radreisende in der Bahn erleben.
Aber ich will euch nicht auf die Folter spannen… Die alte Lok tut, was sie soll, und bringt uns unserem Startpunkt Minute für Minute näher.
Montauban erwartet uns – angeblich eine „rosa Stadt“, genau wie Toulouse. Zwei Minuten Aufenthalt werden das Ausladen der Räder gleich in eine akrobatische Zaubershow verwandeln… oder in Weitwerfen mit Fahrrädern.
Vor Ort bleibt keine Zeit für Sightseeing. Fokus aufs Wesentliche: Das Restaurant Circonstances, dessen Bewertungen Großes versprechen. Morgen geht es dann endlich ab ins Lot-Tal. Ein absolutes Paradies für den Fahrradtourismus, besonders dank der Véloroute V86, die sich hier durchschlängelt. Die Route verspricht spektakuläre Kurven und malerische Dörfer.
Kulinarisch ist die Region eine Hochburg der französischen Gastronomie – schon wieder eine! Zwischen den Cahors-Weinbergen, die den Malbec immer genialer veredeln, und den lokalen Spezialitäten stehen uns echte Entdeckungen bevor.
Côté météo, nous aurons de la chance. Die Temperaturen werden sommerlich sein.
Bis morgen – und NEIN, trotz des Fotos von heute Morgen in Carry kann ich es kaum erwarten, die nächsten Kapitel unserer Abenteuer zu schreiben.
J1: Von Montauban nach Puy-l’Évêque
Wir behalten den ersten Zwischenstopp in Montauban in bester Erinnerung. Unser Hotel – untergebracht in einem alten Kapuzinerkloster aus dem 17. Jahrhundert direkt am Ufer des Tarn – war schlichtweg ein Traum! Ich hatte die Messlatte hoch gelegt, ohne es groß zu merken. Satte vier Sterne, bitteschön 😁. Das Ergebnis: Eine Haut, die herrlich nach hoteleigener Spa-Lotion duftet, und eine tiefenentspannte Nacht in einem 1,80-Meter-Bett. Himmlisch! Beim Frühstück am nächsten Morgen bot sich ein herrliches Bild: Zwischen all den Geschäftsleuten, die für Seminare da waren, fielen wir in unseren stolz getragenen Radlerhosen dezent aus dem Rahmen.
Die Achterbahnfahrt des Quercy
Eines sei gesagt: Wer von Montauban aus ins Lot-Tal will, muss sich das verdienen. Es geht hoch, und zwar knackig! Zum Glück griff die goldene Regel des Radreisens: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Für jeden endlosen Anstieg wurden wir mit wunderschönen, hügeligen Landschaften und genialen Abfahrten zum Verschnaufen belohnt.
Bei einer dieser Abfahrten schoss das Adrenalin kurz in die Gemütlichkeit. Cubiton knackt fast die 46 km/h und plötzlich… weg war er! Mein Helm hält dem Fahrtwind nicht stand und segelt schnurstracks in den steilen Graben tief unter uns. Na ja, besser der Helm macht den Abflug als ich selbst!
Gott sei Dank blieb mein Helm – obwohl extra für E-Bikes gedacht – im dichten Grün sichtbar. Mein Mann opferte sich heroisch und kletterte hinab, um ihn mutig zu fischen. Die Moral von der Geschicht‘: Ich brauche wohl einen Helm ohne Magnetverschluss, wenn ich meinen Geschwindigkeitsrekord in Zukunft sicher brechen will!
Gegen Mittag verlangten unsere Kehlen nach Abkühlung. Gesagt, getan. Während Scottie, Scotty, Cubiton und Moustache sich unter einer prächtigen Kastanie ausruhten, die wie eine Platane gestutzt vor dem Rathaus von Caze-Mondenard stand.
Die Speisekarte des Bar-Restaurants klang verlockend, aber wir blieben vernünftig. Keine Stopfleber mit rotem Zwiebelsorbet oder Schnecken mit Bärlauch-Pesto.
Für mich gab es eine Johannisbeer-Limonade. Aber die Idee mit dem Zwiebelsorbet ist notiert – das wird zu Hause nachgemacht!
Schließlich hat meine 16 Monate alte Enkelin letzte Woche mein improvisiertes Paprikasorbet aus der Eismaschine komplett verputzt!
Die Fata Morgana von Lauzerte
Zur Halbzeit erreichen wir Lauzerte. Wir zögern: Noch mal 150 Höhenmeter extra? Das wird an unseren Akkus saugen. Aber ich bin überzeugend. Versprochen, das ist ein wunderschönes, mittelalterliches Dorf, es gibt eine fabelhafte Eisdiele und wir können dort die Akkus laden!
Wir strampeln hoch… und Lauzerte sieht überhaupt nicht so aus wie in meiner Erinnerung beim Jakobsweg letztes Jahr.
Die alten Steine haben zwar unbestreitbaren Charme, aber mein Gedächtnis hat mir einen gewaltigen Streich gespielt! Der Ort ist ultra-ruhig, fast schon ausgestorben und vor allem: Keine Eisdiele weit und breit.
Eine kleine Enttäuschung, über die wir jetzt schon lachen. Und das Versprechen, unseren Freunden, die sich von meinen Eis-Märchen haben blenden lassen, eine Runde auszugeben.
Am Ende verzichten wir auf den Abstecher nach Montcuq… mein Kopf raucht ohnehin schon.
In fin de parcours, les batteries des vélos (et les nôtres !) sind am Ende der Etappe die Fahrrad-Akkus (und unsere eigenen!) fast komplett platt. Die gute Laune bleibt trotzdem – das Wesentliche liegt schließlich woanders.
Das Tachometer-Rätsel
Am Etappenziel angekommen, entbrennt eine große Diskussion über die gefahrene Strecke. 90 km laut Google Maps, aber nur 85 km auf dem Tacho meines Mannes. Wer hat recht? Im Grunde völlig egal: Unsere Beine haben jeden einzelnen Kilometer dieser hammerharten ersten Etappe spüren dürfen!
Ankunft im Paradies (und am Tisch!)
Geschafft, wir sind endlich da: Das wunderschöne Lot-Tal liegt vor uns. Die Fahrt über die Brücke in Puy-l’Évêque gibt den Takt vor für die Landschaften der nächsten Tage. Wir stellen die Räder für heute ab – müde, aber tiefzufrieden mit diesem gelungenen ersten Tag.
Das Regenerationsprogramm am Abend? Das magische Trio der lokalen Küche:
Ein gutes Glas Cahors-Wein – die Vallée du Lot ist mitten im Anbaugebiet!
Ein Stückchen Foie Gras
Ein deftiges, wärmendes Cassoulet oder ein Enten-Confit.
Heute Abend wird geschlemmt – und das haben wir uns verdient!
J2 – Von Puy-l’Évêque nach Saint-Cirq-Lapopie
🚴♂️ Ein Vormittag im Flusslauf
Das Frühstück bildet weiter: Ich lerne, dass der Name „Puy“ von einem Felsvorsprung kommt und das „l’évêque“ (der Bischof) daran erinnert, dass die Stadt lange Zeit ein wichtiger Bischofssitz war.
Nächste Entdeckung des Tages: Die französische Redewendung „Violon d’Ingres“ (Steckenpferd/Hobby, benannt nach dem Maler Jean-Auguste-Dominique Ingres, der in Montauban geboren wurde) kommt einfach daher, dass er leidenschaftlich gerne Geige spielte.
Genug Kultur, kommen wir zum heutigen Ride!
Wir starten in Puy-l’Évêque bei absolutem Traumwetter. Es ist Hochsommer. Überall Rosen. Weinreben, so weit das Auge reicht. Es ist immer wieder cool, ein Weinbaugebiet mal live zu durchqueren und visuell einzuordnen. Schon nach wenigen Kilometern treffen wir auf einen ungewöhnlichen Radler: Er trägt ein XL-Sonnenschutz-Visier im unverkennbaren Look – eine Da Brim aus den USA. Eine Marke und ein Gadget, das ich so auch noch nicht auf dem Schirm hatte!
Nach 25 Kilometern purem Radlerglück auf einem paradiesischen Radweg (bis auf einen kleinen Verfahrer, der uns zwang, eine Treppe zu nehmen) erreichen wir gegen 11 Uhr Albas. In diesem wunderschönen Weindorf, das sich gerade für sein anstehendes Akkordeon-Festival herausputzt, gönnen wir uns eine Pause im Schatten einer Linde: einem charmanten Buchcafé. Für mich gibt es einen Rote-Bete-Yamswurzel-Latte – eine Kuriosität, die ich sonst wohl nirgendwo bestellt hätte.
🛤️ Von der Voie Verte zu den ersten Höhenmetern
Nach Luzech genießen wir das pure Rollen auf einer alten Bahnstrecke, die zum Radweg (Voie Verte) umgebaut wurde. Wenn man mal genauer hinschaut, sieht man erst, wie viel hier in den Fahrradtourismus investiert wird.
Später machen wir Halt in Cahors – und ein üppiges Steinpilz-Omelett mit Blick auf die berühmte Brücke Pont Valentré wird mir später noch im Gedächtnis bleiben. Nach der Stadt genießen wir noch ein Stück Radweg, bevor das Gelände anfängt, ernsthaft anzusteigen.
Ein kilometerlanger Anstieg wartet auf uns. Genau hier, 14 Kilometer vor dem Ziel, machen wir die schönste Begegnung des Tages: Eine junge Mutter, die ganz allein auf einem Fahrrad ohne Motor mit ihrem 18 Monate alten Knirps samt kompletter Campingausrüstung reist. Für den Kleinen ist es die große Taufe des Bikepackings. Diese strahlende Mutter und ihren glücklichen Sohn mitten im harten Anstieg zu sehen – Chapeau!
🍦 Ausrollen zum Tagesziel (oder fast)
Endlich erreichen wir Saint-Cirq-Lapopie. Ganz oben angekommen, belohnt uns der Ausblick für jede Schweißperle: Der Lot schlängelt sich majestätisch zu unseren Füßen.
Das mittelalterliche Dorf ist ein absolutes Must-See. In der kühlen Abendluft besichtigen wir die örtliche Kirche und ich erfahre die Geschichte des heiligen Cirq (Cyrillus), eines vierjährigen christlichen Märtyrers, der dem Dorf seinen Namen gab.
Während die Freunde sich ein Eis gönnen, streikt mein Magen – was für mich extrem selten ist. Ein kleiner Hitzeschlag und vermutlich das Steinpilz-Omelett aus Cahors, das keine Gnade kennt. Mir ist absolut flau. Wir beschließen, die Räder die kopfsteingepflasterte Abfahrt hinunter bis zum Tor Porte de Rocamadour zu schieben.
Und genau dort haucht der Akku des Rades unseres Freundes sein Leben aus. Die Story dazu: Da seine Frau nachts Probleme beim Laden hatte, hat er ihr kurzerhand seinen vollen Akku überlassen. Ein echter Gentleman des Radsports!
Zum Glück sind es nur noch 1,7 km bergab, um uns bis zum Hôtel des Gabarres rollen zu lassen, wo wir für die Nacht ankern. Bei der Ankunft steht fest: Ich streiche das Abendessen für mich. Ein paar Stunden Fasten, um meine eigenen Akkus aufzuladen. Ein intensiver Tag – aber das Lot-Tal gehört jetzt schon zu unseren schönsten Touren.
J3 – Von Saint-Cirq-Lapopie nach Flagnac
Ein Tag im Zeichen berühmter Namen
Es war einmal ein Name. Gleich zwei Trägerinnen sorgten im Lot-Tal für Schlagzeilen. Die eine brachte es bis ins französische Präsidentenpalais, die andere war vor allem berühmt-berüchtigt. Aber lasst mich die Geschichte von vorne erzählen.
Vor 9 Uhr starten wir am Hôtel des Gabarres gegenüber von Saint-Cirq-Lapopie und sind ruckzuck wieder am Lot. Heute rollen wir meistens auf verkehrsberuhigten Straßen. Da wir außerhalb der Hauptsaison unterwegs sind, stören die paar Autos überhaupt nicht.
Wir folgen den Flusswindungen. Gegen 11 Uhr erreichen wir Cajarc, die Hauptstadt des Quercy-Safrans (den ich prompt in einem Laden entdecke – stolze 36 € pro Gramm!)
Das Stadtzentrum von Cajarc hat unheimlich viel Charme und sogar seinen eigenen kleinen Eiffelturm („Tourette Eiffel“). Man spürt, dass die Stadt belebt und beliebt ist. Wir erfahren, dass hier schon so manche Prominenz vorbeikam, inklusive der Republikanischen Garde. Ein Riesending für alle, die die alten französischen TV-Referenzen kennen (le Schmilblick)!
Es ist der Geburtsort von Claude Pompidou (Frau des ehemaligen französischen Präsidenten) und 1985 Wohnort von „Madame Claude“, Frankreichs berühmtester Edel-Prostituierter, die die geheimen Vorlieben der High Society kennt. Sie hatte sich hier einen Schafstall gekauft und war die Nachbarin der legendären Schriftstellerin Françoise Sagan.
Trotzdem kein Grund für „Bonjour Tristesse“! Wir ziehen weiter. Es wird immer heißer, trotz langer schattiger Abschnitte und eines knackigen Anstiegs 15 km vor Flagnac. Trotz der Quälerei sind wir uns einig: Diese Radtour steht ganz oben auf dem Treppchen. Ein echter Hauptgewinn (qui sort du Lot 😉). Die Véloscénie rutscht damit auf Platz zwei!
Nach 85 km erreichen wir Flagnac im Département Aveyron. Heute übernachten wir in einem Bed & Breakfast. Meine Füße erholen sich auf einer urigen Spitzentagesdecke. Die Hausherrin zaubert uns ein Überraschungsmenü. Ob es einen Hauch Aveyron hat? Ich bin gespannt. Genau das macht den Charme aus, wenn man privat übernachtet.
Noch mehr Bettgeschichten
Bis das Essen fertig ist, hier noch die Anekdote des Tages: Das Dorf Saint-Santin, nur wenige Kilometer von unserer Unterkunft entfernt, ist eine echte touristische Kuriosität und ein juristisches Kopfzerbrechen. Eine geteilte Gemeinde mit zwei Bürgermeistern, die rittlings auf zwei Départements, zwei Regionen und zwei Schulbezirken liegt. Und es goes noch verrückter. Ein Haus liegt exakt so auf der Grenze, dass einige Räume in Okzitanien und andere in der Region Auvergne-Rhône-Alpes liegen.
Die Justiz oder der gesunde Menschenverstand hat entschieden: Die Lage des Schlafzimmers bestimmt die regionale Zugehörigkeit! Tja, Bettgeschichten waren heute wohl der rote Faden des Tages – und wie so oft im Leben absolut entscheidend!
J4 – Von Flagnac nach Espalion
Eine kulinarische Reise ans andere Ende der Welt
Knapp 90 Kilometer stehen für diesen vorletzten Tag auf dem Tacho, und es war definitiv nicht der entspannteste. Dabei sah das Höhenprofil auf dem Papier eigentlich nach Gefälle aus… Aber fangen wir von vorne an, und zwar mit den wunderbaren Erinnerungen vom Vorabend.
Was für ein Empfang!
Was für ein Empfang! Ich hatte mich ja gefragt, was uns zum Abendessen erwartet, aber mit so einer kulinarischen Weltreise hätte ich im Leben nicht gerechnet. Unsere Gastgeberin Marie-Jeanne hat sich komplett zerrissen und gezeigt, was echte Gastfreundschaft bedeutet. Auf dem Plan: Aperitif mit süßen Bananen-Häppchen und Kochbananen-Spießen, dazu ein ordentlicher Limetten-Punch. Danach gab es gefüllten Lachs mit buntem Gemüse, Muscheln mit Toulouse-Wurst und Riesengarnelen.
Ein Tisch, der ihre Lebensgeschichte widerspiegelt: Paul und Marie-Jeanne haben sich vor 46 Jahren in Kamerun kennengelernt, wo Paul als Lehrer gearbeitet hat.
Marie-Jeanne ist eine Powerfrau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt; am nächsten Morgen zeigte sie unserer Freundin stolz Fotos von sich mit Ministern und Präsidenten. Paul wiederum erzählte uns von seiner Heimat im Aveyron und seiner Kindheit in einer Familie mit sage und schreibe 14 Geschwistern. Menschen mit einer Herzensgüte, die tief berührt.
Kulturstopp und Abkühlung
Am Morgen geht es direkt nach Conques, dem Juwel auf dem Jakobsweg, das wir gegen Mitte des Vormittags erreichen. Trotz der Touristenmassen beschert uns die Abteikirche einen Moment des Innehaltens: Eine vierhändige Probe am Klavier hallt durch das alte Gewölbe. Magisch!
Weiter geht’s, und das Thermometer klettert unaufhaltsam. In Villecomtal machen wir am Wasser eine erlösende Pause in einem genossenschaftlichen Café, das den Charme eines bunten Kulturtreffs versprüht. Eine geniale lokale Initiative, die richtig Leben ins Dorf bringt.
Das Trou de Bozouls und der Baumkuchen
Danach wird es zäh. Die Sonne brennt gnadenlos, die Straße steigt an. Die Bike-Akkus schwitzen, unsere Kehlen trocknen aus und die Landschaft wird etwas eintöniger. Man muss fair sein: Die letzten Tage hatten die Messlatte extrem hoch gelegt! Die Belohnung wartet am späten Nachmittag in Bozouls und seinem berühmten „Trou“ (Loch) – ein spektakulärer, in Frankreich einzigartiger Canyon.
Der Ort hält noch ein Highlight für die Geschmacksknospen bereit: einen Gâteau à la broche (Baumkuchen) – den ich dummerweise vergessen habe zu fotografieren! Diese lokale Spezialität, die ursprünglich vom Balkan kommt, erinnert mich total an den deutschen Baumkuchen, benannt nach den Teigschichten, die wie Jahresringe aussehen.
Die Schotterfalle
Weil wir dachten, wir hätten es fast geschafft, folgen wir für die letzten Kilometer dem offiziellen Radweg. Großer Fehler! Die Piste entpuppt sich als brutale Schotter- und Geröllwüste – eine alte, völlig unbefestigte Bahntrasse. Das Sahnehäubchen: drei Tunnel in absoluter Finsternis, in denen unsere Freundin prompt stürzt. Zum Glück ohne schlimme Folgen.
Ziemlich durchgeschüttelt retten wir uns auf eine stark befahrene Hauptstraße. Ich schalte den Motor komplett aus, um „auf Muskel“ ins Ziel zu fahren. Nach der Schotterhölle fühlt sich der Asphalt an wie Seide.
Völlig k.o. in Espalion
Ausgelaugt kommen wir schließlich in Espalion an – eine wunderschöne Stadt, von der ich vor lauter Eile kein einziges Foto mache. Wir checken im Relais de Boralde direkt am Lot ein. Ein Glück, dass ich die Zimmer schon vor zwei Monaten gebucht hatte! Wegen des Transhumanz-Wochenendes – also dem traditionellen, festlichen Almauftrieb der Kühe auf die Hochweiden des Aubrac-Plateaus – war hier alles absolut dicht. Das Hotel ist komplett ausgebucht. Aber das Zauberwort „Radreise“ war unser Türöffner!
Morgen steht unsere eigene „Transhumance“ nach Mende an, die finale Etappe vor der Heimreise mit dem Zug. Das wird das dickste Brett der Tour. Hoffen wir, dass die Kilometer gnädiger werden als heute!
J5 – Von Espalion nach Mende
🐮 Weckruf mit Pauken und Trompeten
Meuh… ding dong… oder doch eher Muh? Schließlich bin ich selbst die deutsche Kuh in unserer Truppe 😉 und eins ist mal klar: Rindviecher sprechen jenseits des Rheins eine ganz andere Sprache! Eine Frage beschäftigt mich heute allerdings brennend: Haben die Aubrac-Kühe heute Abend eigentlich den Hintern genauso strapaziert wie wir?
Nein, ich habe keinen Sonnenstich. Das Spektakel des Tages begann einfach morgens um 6 Uhr direkt unter unseren Fenstern. In Espalion startet der Almauftrieb in aller Frühe. Da steht das ganze Hotel senkrecht im Bett! Die Kühe hatten sich richtig herausgeputzt: Blumen zwischen den Hörnern und ein Schild mit ihrem Namen – „Robuste“ war zum Beispiel dabei. Begleitet von hunderten Frühaufstehern. Das ganze Aubrac feiert!
Wir hätten auf Nummer sicher gehen, einen Tag dranhängen, die Packtaschen im Tal lassen und entspannt hochkurbeln können. Aber nö: Wir wollten es ja wissen. Wegen der angekündigten Hitzewelle (über 30 °C) ziehen wir den Start auf 8:30 Uhr vor – eine halbe Stunde früher als sonst.
🚴♂️ Slalom, Pässe und Schrauberstunde
Beim Verlassen von Espalion slalomen wir erst mal durch Kuhfladen. Die Tiere müssen zu Tausenden hier durchmarschiert sein.
Nach nur 3 Kilometern geht der Ernst des Lebens los: Der nächste Slalom, diesmal am Berg. Um Akku zu sparen, beiße ich auf die Zähne und kurble den ersten Pass im „Eco“-Modus hoch. Ich keuche, komme ewig nach den anderen oben an, aber die Abfahrt entlohnt für alles!
Plötzlich bockt ein Rad: Kette runter. Unsere Männer mutieren am Straßenrand spontan zur Pannenhilfe. Zum Glück ist die Sache schnell erledigt.
Erste Pause im wunderschönen Dorf Sainte-Eulalie-d’Olt. Ein absoluter Traum aus alten Steinen, richtig, richtig schön. Und haltet euch fest: In einem komplett zugewachsenen Gebäude hat eine leidenschaftliche Eulen-Sammlerin ein Eulenmuseum eingerichtet! Was man beim Bikepacking nicht alles findet…
🔋 Die große Akku-Krise
Weiter geht’s Richtung La Canourgue, dem offiziellen Endpunkt des Lot-Radwegs. Und es heißt wieder: Höhenmeter fressen. Zum Glück schlängelt sich die Straße durch einen wunderschönen Wald im rettenden Schatten von Kastanienbäumen. Gegen 13:30 Uhr erreichen wir das „Kleine Venedig der Lozère“. Also ja, es gibt ein paar Kanäle, aber Gondoliere sucht man vergebens.
Unsere absolute Priorität ist ohnehin Strom. Mein Mann bekommt vom digitalen Assistenten den entscheidenden Tipp: Direkt vor dem Rathaus gibt es eine Ladestation. Perfekt, wir können sie von unserer Bank aus sehen! Im Handumdrehen hängen unsere Freundin und ich die Akkus an die kostenlose Station. Die Männer bleiben – ganz getreu ihrem Stoizismus – felsenfest davon überzeugt, dass ihre Restreichweite und ihre Waden locker reichen werden.
Ein Glück, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört habe! Mein Watt-Sparen am Vormittag gepaart mit diesem spontanen Ladestopp macht mich zur einzigen Aubrac-Überlebenden. Denn nach einem dritten und vierten mörderischen Anstieg sind Moustache, Scotty und Scottie komplett am Ende – Saft weg, Akku platt, Schicht im Schacht! Zum Glück taucht Mende am Horizont auf, das Elend hat bald ein Ende.
🏁 Endstation Mende … und Kurs auf 2027!
Angekommen in Mende, eine Dusche später, sind wir wieder frisch wie der junge Frühling.
Morgen steht die große Heimreise an. Und die wird ein echtes Mammutprojekt: erst ein Regio von Mende nach La Bastide-Saint-Laurent, dann ein Zug nach Nîmes, eine ordentliche Radetappe rüber nach Arles, wieder ein Zug bis L’Estaque und der finale Zielsprint auf dem Rad nach Carry-le-Rouet.
Heute Abend genießen wir unser letztes Abendessen in einem charmanten Hotel. Der perfekte Moment, um die ersten Pläne für unsere nächste gemeinsame Radtour im Jahr 2027 zu schmieden!
J6 – Epilog: Von Narzissen zur Corniche, der totale Spagat
Gute 12 Stunden Reisezeit von Tür zu Tür. Der erste Act ist wunderschön: Wir durchqueren blühende Wiesen in der Lozère, auf denen tausende Narzissen sprießen, unterbrochen von kleinen, einsamen Bahnhöfen mitten im Wald. Dann steht der Umstieg Richtung Nîmes an. Unsere Durchfahrt durch Alès bestätigt meinen Eindruck von 2024: Die Stadt verteidigt mühelos ihren Spitzenplatz in meiner persönlichen Rangliste der tristesten Orte überhaupt.
In Nîmes landen wir mitten im Trubel des letzten Tages der Feria. Einige Passanten tragen stolz das traditionelle rote Halstuch. Keine Zeit zum Bummeln, wir müssen Gas geben und die Kilometer nach Arles abspulen. Es folgen 38 Kilometer in der prallen Hitze zwischen Weinreben und Landschaften am Rande der Camargue. Trotzdem läuft es super entspannt! Eine Route, die mein Mann auf Géovélo ausgegraben hat – ein echter Glücksgriff.
Das Bahnsteig-Chaos in Arles
Nach einem Salat und einem Eis verfliegt der Zauber auf dem Bahnsteig in Arles schlagartig. Von überall her strömen Radfahrer herbei, und die Anspannung steigt. Man kann mir noch so oft sagen, ich solle ruhig bleiben – das klappt in solchen Momenten einfach nicht. Und die Realität gibt mir recht: Der Zug aus Arles Richtung Marseille ist gerammelt voll. Die Fahrradabteile sind für diesen Ansturm absolut lächerlich: Mindestens zehn vollgepackte Reiseräder versuchen sich mit Gewalt hineinzuzwängen. Mittendrin macht der Zugchef zwar seinen Job, schimpft aber lautstark und verteilt Moralpredigten.
Wir verteilen uns so gut es geht auf verschiedene Waggons, mit einem ständigen Damoklesschwert über dem Kopf: der Angst, wegen Überfüllung am nächsten Bahnhof vor die Tür gesetzt zu werden.
Ungeplante Flucht in Miramas
Genervt von der permanenten Anspannung und müde, uns ständig anmotzen zu lassen, weil wir nicht die „am Wochenende obligatorische Fahrradreservierung auf dieser Linie“ hatten – als ob das Häkchen in der SNCF-App nicht mehr reichen würde… – werfen wir das Handtuch. Wir steigen in Miramas fluchtartig aus, so schnell, dass wir uns nicht mal von unseren Freunden im Zug verabschieden können.
Es folgen zwei lange Stunden Wartezeit auf dem Bahnsteig. Wir schauen den Lio-Zügen, den Zou-Zügen, einem TGV und endlosen Güterzügen beim Vorbeifahren zu und hoffen sehnsüchtig auf den Zug der Côte Bleue.
Die Erlösung an der Côte Bleue
Endlich, nach einem Gleiswechsel auf pure Muskelkraft, steigen wir um 18:41 Uhr ein. Große Überraschung: Der Zug ist nagelneu, modern und in fast jedem Waggon mit echten Fahrradstellplätzen ausgestattet. Ein Traum! Die Zugchefin – ein ganzes Stück freundlicher als ihr Kollege zuvor und flankiert von zwei Sicherheitsleuten, die Fahrgäste ohne T-Shirt oder mit gefälschten Tickets direkt wieder auf Kurs bringen (kein Witz) – warnt uns dennoch vor: Sollte sich der Zug füllen, müssen wir unsere schweren Gefährte an den Haken hängen. Zum Glück bleibt es ruhig.
In Sausset atmen wir tief durch und setzen endlich wieder Fuß auf den Boden. Erleichterung pur.
Zum krönenden Abschluss gönnen wir uns die letzte Gerade entlang der Corniche. Das Meer funkelt im Abendlicht – einfach wunderschön. Punkt 20 Uhr schließen wir die Haustür auf. Wir sind verschwitzt und klebrig, die Satteltaschen sind noch prall gefüllt und warten aufs Auspacken, aber wir sind überglücklich.
Danke an alle, die uns auf dieser Reise hier im Blog begleitet haben. Bis bald für neue Abenteuer und neue Entdeckungen!
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3 Kommentare zu „Von Montauban bis Mende im Lot-Tal“
MDSOULT
Déjà une journée bien remplie. 👏Bonne continuation.Bizz
😘
Soyons fous!!!! En pleine chaleur pédaler vous conduit tout droit au premier bistro devant une bonne bière qui délicieusement inondé votre gosier!!!!!!!
À bientôt sur terre ferme à pieds!!!!!
Déjà une journée bien remplie. 👏Bonne continuation.Bizz
😘
Soyons fous!!!! En pleine chaleur pédaler vous conduit tout droit au premier bistro devant une bonne bière qui délicieusement inondé votre gosier!!!!!!!
À bientôt sur terre ferme à pieds!!!!!
Ça donne envie. Geht das auch mit 74/77 Jahren auf dem Buckel? Würden einige eurer Touren gerne nachradeln. Freue mich schon auf weitere Berichte👏👏🥰🥰