An der Loire mit dem Rad

Tag 1 – Von Cosne-sur-Loire nach Sully-sur-Loire

Diesmal nehmen wir Kurs auf die Loire à Vélo, eingebettet in das europäische Fernradwegenetz: Wir folgen der EV6 (die „Flussroute“ vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer) und der EV3 (die „Pilgerroute“ von Norwegen nach Santiago de Compostela). Einen Teil davon hatten wir vor einigen Jahren schon einmal befahren – dieser Abschnitt hier ist ebenso reizvoll. Nach der gestrigen Ankunft in Cosne-sur-Loire konnten wir endlich die Räder vom Träger abschnallen. Es gab ein freudiges Wiedersehen am Bahnhof mit unseren Freunden, die über Nevers angereist waren. Es ist unsere dritte gemeinsame Tour nach der Véloscénie (2024) und der Côte d’Azur (Mai 2024). Zuerst geht es am Loire-Seitenkanal entlang bis nach Saint-Satur. Man muss die Regionen gebührend ehren: Ein weißer Sancerre (Sauvignon) und ein roter (Pinot Noir), dazu der berühmte Ziegenkäse Crottin de Chavignol. Die lokale Spezialität Kalbskopf lasse ich allerdings aus. Heute Morgen dann der Aufstieg nach Sancerre: Der Panoramablick auf die Weinberge und die Loire ist atemberaubend. Vorbei an einer Atomanlage wechseln wir zwischen Treidelpfaden und ruhigen Straßen bis nach Belleville. Am Nachmittag erreichen wir Briare. Die Kanalbrücke ist ein Meisterwerk: 662 Meter metallene Eleganz über der Loire, mitgestaltet von Gustave Eiffel. Da montags alles geschlossen ist, genießen wir statt eines Mittagessens einfach die Aussicht. Die Beschilderung ist perfekt, die Wege oft exklusiv für Radfahrer. Trotz grauem Himmel bleibt es trocken. Ein kurzer Stopp in Gien, bekannt für seine Fayence (gegründet 1821). Wir widerstehen der Versuchung, ein komplettes Service in die Packtaschen zu quetschen. Der Wind bläst von vorne. Mein Knie meldet sich, und die Batterie muss aus dem Eco-Modus raus – eine „strategische Entscheidung“. Rund um Saint-Martin-sur-Ocre setzt ein hübscher, blumengeschmückter Wasserturm einen bunten Akzent in der Landschaft. Schließlich erreichen wir nach 92 Kilometern Sully-sur-Loire. Das Renaissanceschloss ist leider zu, aber der Anblick von außen mit den grünen Wassergräben ist dennoch imposant.

Tag 2 – Von Sully nach Beaugency über Orléans

Ein harter Start: kein warmes Wasser im Hotel. Die Beine sind ohnehin schon steif. Der Wind hat nachgelassen und auch die Gelenke streiken etwas weniger: Das rechte Knie bei Monsieur gibt Ruhe, das linke bei Madame hält ebenfalls durch. Ein Hoch auf den Mix aus Ibuprofen, Voltaren und ätherischen Ölen. Mit vollen Akkus fliegen wir förmlich über die Piste. Die Luft duftet nach Holunder und Robinien. Erste echte Haltestelle in Jargeau, nach einer Reihe von Fotopausen: die Loire, das Grün, die Vögel… Und dann ein Friedhof der ausgestorbenen Arten des Loiret – ein Projekt, das zum Nachdenken anregt. In Orléans, vor der außergewöhnlichen Kathedrale, die für die Johannisfeste zu Ehren von Jeanne d’Arc geschmückt ist, treffen wir litauische Radler auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Die Glasfenster der Kathedrale Sainte-Croix sind schlichtweg überwältigend. In Châteauneuf-sur-Loire halten wir an der Stèle du Chastaing auf dem Maurice-Genevoix-Rundweg. Seine Worte über die Loire gehen unter die Haut: «Ich liebe sie für die Schönheit, mit der sie meine Augen sättigt, für die weichen Kurven ihrer Ufer, für die glühenden Sandbänke, die die Sonne erzittern lässt… für die lebendige Frische der Strömungen, die auf den braunen Kieseln tanzen…» Ein Buch, das man dringend lesen sollte. Man spürt hier, dass die Loire mehr als nur ein Fluss ist: Sie ist eine Kindheitserinnerung und eine poetische Sprache. Ein Moment des Innehaltens zwischen Natur und Gedächtnis. In Meung-sur-Loire passieren wir das rote Schloss, in dem einst der Dichter François Villon im 15. Jahrhundert eingekerkert war. Die Straße geht weiter. Ich habe das Gefühl, Flügel zu haben. Wir überholen uns gegenseitig. Nach 85 wunderbaren Kilometern erreichen wir Beaugency. Jetzt eine heiße Dusche, ein Glas Loire-Wein und das Glück, den ganzen Tag zusammen draußen gewesen zu sein.

Tag 3 – Chambord, die Touraine und… Amboise!

Wir sind in der Touraine. 260 km liegen bereits hinter uns. Der erste Teil heute war weniger malerisch (viele Felder, eine weitere Atomanlage), aber unsere Knie sind wieder fit! Schaut euch die Fotos an und urteilt selbst. Vielleicht liegt es an den Robinienblüten, von denen mein Mann so schwärmt. Weniger gut geht es unserem Mitradler, der trotz Schüttelfrost wie ein „Warrior“ weiterstrampelt. Fünf Kilometer vor Schloss Chambord erreichen wir die gewaltige Parkmauer. Plötzlich tauchen die Türme und die berühmte doppelläufige Wendeltreppe auf. Ich frage mich, ob unsere heutigen Häuser in 500 Jahren noch stehen werden – die Architekten von François Ier haben definitiv für die Ewigkeit gebaut. Das Instandhaltungsbudget muss allerdings schwindelerregend sein. Auf dem Rasen galoppieren die Pferde der Garde Républicaine – ein surrealer Anblick. Nach Chambord wird die Landschaft Richtung Chaumont immer schöner. Das Département 37 begeistert mit seinen Flusswindungen. Nach 88 Kilometern erreichen wir Amboise. Für Leonardo da Vinci im Clos Lucé reicht die Kraft heute nicht mehr, vielleicht morgen früh. Morgen verlassen wir die Loire, um nach Vendôme zu gelangen. Warum? Weil die Region nicht sehr großzügig mit Bahnhöfen bestückt ist, der TGV für unsere vier Fahrräder keine Option darstellt und wir ohnehin Versailles ansteuern. Bis dahin haben wir vielleicht einen neuen Papst (Anmerkung: Dieser Text stammt aus dem Mai 2025) – glücklicher als wir mit unserem Crémant d’Amboise am Fuße des Schlosses wird er aber sicher nicht sein.

Tag 4 – Die Touraine, ein Abgeordneter und Wassertürme

Amboise – Vendôme: 90 km durch Felder, über Hügel und voller Unvorhersehbarkeiten. Wir sind nun zu zweit, da unsere Freunde wegen eines hartnäckigen Infekts und Fiebers pausieren müssen. Erzwungene Pause, Antibiotika und die Hoffnung auf ein Wiedersehen in zwei Tagen. Wir radeln vorbei an faszinierenden Höhlenwohnungen (Troglodyten) nach Montlouis-sur-Loire. Überall sind Denkmäler für die offiziellen Gedenkfeiern geschmückt. Bei Vouvray verlassen wir die Loire und halten Kurs Nord. Die Landschaft wird hügeliger, die Batterien halten zum Glück. Die „Coulée Verte“ (der grüne Weg), der über zehn Kilometer der Route nach Chartres folgt, ist eine wahre Oase. In Chançay treffen wir auf eine feiernde Gruppe. Ein Herr schmettert die „Hymne à l’amour“. Ein anderer, sehr schick gekleideter Herr empfiehlt uns die Bretagne für die nächste Tour – Google bestätigt später meine Vorahnung: Es war tatsächlich ein Abgeordneter! Der Rest des Weges ist monoton: endlose Agrarflächen und Wassertürme. Unsere Kehrseiten flehen um Gnade. Doch Vendôme entschädigt uns mit einer charmanten Pension am Fluss Loir. Abends gibt es lokalen Pineau d’Aunis (Chenin Noir). Leicht moussierend, aber perfekt. Morgen geht es nach Illiers-Combray auf den Spuren von Proust. Wir werden dort wohl keine Madeleines finden, aber dafür das „älteste WC Frankreichs“.

Tag 5 – Vendôme – Illiers-Combray

Was verbinde ich mit dem Namen Léon? Zuerst meine Nichte Léonie, dann den Löwen (das Sternzeichen meines Mannes) und schließlich Prousts Tante Léonie in Illiers-Combray. Dies ist unsere letzte Etappe vor Paris. Morgen schlafen wir im Schickeria-Viertel beim Eiffelturm – in unseren Radklamotten werden wir dort sicher auffallen, genau wie damals in Cannes. Der heutige Weg (95 km) war bukolisch: Der Loir-Fluss, Schlösser im „menschlichen Format“ und kleine Orte mit Reetdächern. Kurz vor dem Ziel passieren wir den Punkt 444,44 km seit unserem Start in Cosne. In Illiers-Combray lächelt mich im Schaufenster eines Trödlers eine kleine Figur in Weiß an. Léon oder Löwe – ich fühle mich draußen einfach frei.

Tag 6 – Illiers-Combray nach Paris über Chartres

Geschafft! In Chartres geraten wir mitten in ein Festival für historische Fahrräder („Vieilles Pédales“). Nach der Kathedrale treffen wir zufällig den kasachischen Fahnenträger der Olympischen Spiele 2024. Der Rückweg mit der Bahn ist ein Abenteuer: Die Aufzüge sind zu klein für unsere 25 kg schweren Räder. Die SNCF hat beim Thema Fahrradmitnahme definitiv noch Nachholbedarf, wenn ich an die deutschen ICEs denke. Von Versailles aus geht es über die „Coulée Verte“ nach Paris. Ein kurzer Stopp bei den Enkelkindern in Arcueil, dann Kurs auf den Eiffelturm. In Passy wirken wir wie zwei verstaubte Packesel, aber wir sind glücklich: Die 500-Kilometer-Marke ist geknackt. Morgen geht es mit dem Zug zurück zum Auto nach Cosne und dann Richtung Süden. Unsere Waden haben noch lange nicht genug!

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