Mein erstes Fahrradabenteuer allein: Strassburg-Marseille

T1: Der große Aufbruch – Straßburg nach Biesheim

Es ist so weit! Tag X ist da. Nach einem kleinen Kampf mit der Ausrüstung – zwei Seitentaschen, eine Packtasche hinten und die Lenkertasche (man will ja auf alles vorbereitet sein) – ging es gegen 9:15 Uhr in Cronenbourg los. Das Wetter? Ein Traum! Strahlend blauer Himmel, perfekte Temperaturen. Mein symbolischer „Kilometer Null“ war die Grand’Rue 81 in Straßburg. Genau hier komponierte Rouget de Lisle einst ein Kriegslied, das später zur Marseillaise wurde. Ein passender Start für eine Reise in den Süden! Kurz hinter dem Museum für Moderne Kunst beginnt der wunderschönen Radweg am alten Rhein-Rhône-Kanal.  Gleich einige Kilometer nach Strassburg wird der Kanal wird immer wilder, Forellen und Karpfen gleiten durch das klare Wasser.  Notiz an mich selbst: Vorher prüfen, ob die Restaurants an der Strecke auch wirklich offen haben. Zum Glück hielt sich der Hunger in Grenzen und Wasser hatte ich genug. Außerdem habe ich seit dem Lockdown noch ein paar „Reserven“ am Bauch – die Idee, diese auf der Fahrt aufzubrauchen, motiviert ungemein! Ankunft in Biesheim gegen 14 Uhr. Gott sei Dank habe ich ein Hotel mit gutem Restaurant gebucht; die Vorstellung, jetzt noch ein Zelt aufzubauen oder auf einem Gaskocher zu hantieren, wäre mein Untergang. Morgen geht’s Richtung Belfort!

T2: Biesheim – Belfort (Die 100-km-Marke!)

Exakt 100 Kilometer in 7 Stunden. Okay, das ist kein Tour-de-France-Rekord, aber ich habe es geschafft! Ehrlich gesagt hätte ich mir das gar nicht zugetraut. Bis auf ein leichtes Ziehen in den Knien fühle ich mich topfit. Der Himmel sah zwischendurch drohend aus, hielt aber dicht, und die Natur hat mich mit einem wahren Blumenmeer entschädigt. Der Weg führte mich über die Befestigungsanlagen von Vieux-Brisach, vorbei am (mittlerweile stillgelegten) Kraftwerk Fessenheim und kilometerweit durch den herrlichen Hardt-Wald. Nach Mulhouse ging es wieder an den Rhein-Rhône-Kanal. Die wenigen Radfahrer, die man trifft, grinsen alle über das ganze Gesicht – das Fahrradfahren bringt wohl das Beste im Menschen hervor. Mit jeder Schleuse arbeitete ich mich ein Stück höher, bis schließlich das Territoire de Belfort am Horizont auftauchte. Mein Abenteuer wird immer wieder durch tolle Begegnungen bereichert. In Belfort, unter den Augen des berühmten Löwen, traf ich „Coach Hamid“. Ein unglaublich bescheidener Mann, der aber Wahnsinniges geleistet hat: Er ist die Strecke Belfort-Marseille in drei Tagen gefahren, dann in zwei und schließlich 2018 in einem Rutsch durch! Sein Facebook-Profil: „Belfort-Marseille à vélo“. Im Gespräch – an dem auch eine Journalistin teilnahm – kam ich auf eine andere Begegnung im Netz: die mit dem Präsidenten der Fondation Natan, die autistischen Kindern und Jugendlichen hilft. Wusstet ihr, dass autistische Kinder und ihre Eltern eine unglaubliche Ausdauer aufbringen müssen, um das Radfahren zu meistern? Das wusste ich selbst noch vor wenigen Tagen nicht. Und das Verrückteste: Coach Hamid erzählte uns, dass er selbst Autist ist. Solche Zufälle sind keine.

T3: Belfort – Clerval (Pure Gelassenheit)

Das Motto heute: Gelassenheit. Gelassenheit, weil ich gestern Abend von meinem Sohn und meiner Schwiegertochter in Belfort verwöhnt wurde und das Frühstück heute ohne schlechtes Gewissen mit exzellentem Gebäck genossen habe. Gelassenheit, weil ich eine wunderbare Familie habe – darunter eine Tochter, die Ernährungsberaterin ist und mir ausgezeichnete Tipps für eine 1060-km-Tour gibt (sie berät auch per Videocall, falls es euch interessiert). Gelassenheit, weil diese 65 Kilometer von Belfort nach Clerval auf meinem roten Ferrari der reinste Genuss waren. Die Landschaften im Doubs-Tal sind einfach doux (sanft) – ja, ich weiß, meine Wortspiele sind berüchtigt. Man nennt es wohl meinen „deutschen Humor“. Gelassenheit heute Abend, denn mein Mann kommt aus Straßburg nach Clerval zu Besuch. Habt keine Angst vor der 50! Seid entspannt. Egal, was die Zeit für Spuren hinterlässt oder welche Hürden wir genommen haben: Das Leben ist schön, und die wichtigsten Dinge kann man nicht kaufen (obwohl volle Auftragsbücher und glückliche Kunden natürlich auch was Feines sind!).

T4: Clerval – Quingey

Die Franche-Comté hat den Ruf, eine Regenkammer zu sein. Aber heute? Kaiserwetter! Magie pur. Von Clerval über Baume-les-Dames, Deluz und Besançon radelte ich unter tiefblauem Himmel. Spektakuläre Felsen ragen über dem Doubs auf, der wie ein Smaragd im Tal liegt. Ein paar Kühe stehen mit den Beinen im Wasser. Boote, Fischerhütten, Spaziergänger und Radsportler – alles scheint friedlich nebeneinander zu existieren, darunter manche deutlich älter als ich. Ein beeindruckender Radtunnel führt unter der Felswand hindurch, die Besançon überragt, und zurück zum Doubs. Die Altstadt spare ich mir für einen späteren Trip zu zweit auf. Wusstet ihr, dass der EuroVelo 6-Radweg insgesamt 4.448 km lang ist und Europa vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer durchquert? Den französischen Abschnitt findet ihr auf der Website von France Vélo Tourisme. Hier ist er fantastisch ausgeschildert. Trotzdem dachte ich, ich frage mal „meinen Freund Google“ nach dem Weg nach Quingey, statt meine Komoot-App zu nutzen – ein echter Fehler! Google schickte mich auf einen Trail, der eigentlich nur für Gämsen gedacht war. Stur wie ich bin, habe ich eine neue Sportart erfunden: Das Fahrrad (25 kg) plus drei vollgestopfte Taschen eine Steigung von 200 Höhenmetern hochschieben. Ich habe noch nie so geschwitzt! Zum Vergleich: Was autistische Kinder aufbringen müssen, um einfach Radfahren zu lernen, lässt meinen puntellen Kraftakt verblassen. Zögert nicht, der Fondation Natan zu spenden! Schließlich fand ich wieder den Asphalt und rollte in einer schönen Abfolge von Auf und Ab – mit Spitzen bis 40 km/h – bis nach Quingey im Herzen des Loue-Tals. Abends gab es zur Belohnung die berühmte Forelle aus dem Loue-Tal. Batterien wieder aufgeladen!

T5: Quingey – St-Jean-de-Losne (71 km)

Szenenwechsel! Der steile Anstieg von heute Morgen war schnell vergessen, als ich den Tunnel von Thoraise erreichte. Dieses kuriose Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert, 184 m lang, ist für Fahrräder nicht befahrbar und ermöglicht Booten, einen langen Doubs-Mäander (4 km) zu umgehen. An einem der beiden Eingänge stürzt ein künstlicher Wasserfall herab. Weiter ging es Richtung Dole im Jura. Während ich mein Sandwich mit Comté und Morbier verputzte, genoss ich den Blick auf die Basilika Notre-Dame. Mit 73 Metern ist ihr Kirchturm der höchste der Region. Schließlich erreichte ich St-Jean-de-Losne, wo sich Doubs, Saône und der Burgund-Kanal treffen. Heute Abend vielleicht Froschschenkel oder Frittiertes an der Saône. Für mich endet hier die EuroVéloroute 6, denn morgen beginnt mein „Abstieg“ in den Süden Richtung Chalon-sur-Saône. Ich hoffe, ich kann einen Abstecher zur Abtei von Cîteaux machen – solche heiligen Orte faszinieren mich und geben mir die Gelegenheit, danke zu sagen, dass der Himmel so gut auf mich und mein Rad aufpasst.

T6: St-Jean-de-Losne – Chalon-sur-Saône (66 km)

Aus der Abtei Cîteaux wurde leider nichts (ich hab euch gewarnt, mein deutscher Humor ist trocken…). Montags ist sie für die Öffentlichkeit geschlossen. Also ohne Umwege direkt nach Chalon. Der Tag lässt sich so zusammenfassen: Felder, mal die Saône, mal der Doubs. Meine Freundin Monika hatte mich schon gewarnt, dass die Weinstraße schöner wäre, aber man kann nicht alles haben. Stattdessen habe ich verkostet: Das Givry Blanc von gestern und der Mâcon-Chaintré von heute Abend waren sehr angenehm, obwohl beide aus demselben Chardonnay-Trauben stammen. Wusstet ihr, dass die Aromen des Chardonnay in der Regel als „tertiär“ bezeichnet werden? Ein aufschlussreicher Artikel der Revue des Vins de France erklärt den Unterschied: https://www.larvf.com/ Ein persönlicher Moment: Die Unterquerung der Autobahn A36. Letztes Mal bin ich hier mit dem Auto drübergefahren, habe den Kanal gesehen und mir einen „mentalen Post-it“ geschrieben: „Irgendwann bist du da unten mit dem Fahrrad.“ Und jetzt bin ich hier! Es ist faszinierend, Gedanken wie Samen zu säen und sie dann aufgehen zu sehen. Was würdet ihr heute eurem 30-jährigen oder eurem 70-jährigen Ich sagen? Chalon selbst hat eine hübsche Altstadt. Die Kathedrale Saint-Vincent ist einen Abstecher wert. Die kleine Tarte mit Froschschenkeln (natürlich ohne Knochen!) war ein gelungener Abschluss für Tag 6. Morgen geht’s nach Mâcon mit einem Zwischenstopp in Cluny.

T7: Chalon – Mâcon (80 km)

Was für ein Tag! Vielleicht einer der schönsten bisher. War die gestrige Strecke wenig beeindruckend, so war die heutige schlicht magisch. Zunächst: die Piste. Ein herrlicher „Voie Verte“ – eine ehemalige Bahnstrecke – meist schattig, idyllisch durch Weinberge, auf perfektem Asphalt. Erster Stopp im wunderschönen Dorf Givry am späten Vormittag – nicht für ein Gläschen des hiesigen Weins (das wäre um diese Zeit doch nicht ganz ernst zu nehmen), sondern für Kaffee und Croissants bei Musik, die mich wie in einen amerikanischen Wohlfühlfilm versetzt hat (Typ „Ein gutes Jahr“ mit Russell Crowe). Kitschig, aber wunderbar! Das verlieh Flügel für die 43 km bis Cluny – wer weiß, wie viele Pedalumdrehungen das für ein Damenfahrrad (Reifen 28 × 1,75) sind? Während ich auf die Antwort warte, machte ich eine kurze Runde durch den herrlich restaurierten historischen Ort. Die Abtei ließ sich mit Gepäck nur von außen bewundern; es gab eine Salade auf dem Platz davor. Zurück auf dem Voie Verte ging es eine ordentliche Steigung hinauf bis zum nächsten Höhepunkt: der Tunnel du Bois Clair. Mit 1,6 km ist er der längste Radtunnel Frankreichs. Vollständig beleuchtet, 11 Grad kühl, 6 bis 8 Minuten Durchfahrt – und angeblich wohnen dort Fledermäuse. Heute Abend schlafe ich am Stadtrand von Mâcon. Kein Restaurant weit und breit und keine Lust mehr auf den Sattel – also UberEats. Morgen geht’s nach Lyon; man sagt, die Strecke sei gefährlich, ich werde also besonders wachsam sein. Heute Abend ist auch ein Artikel im Est Républicain erschienen, der von meiner Tour, Coach Hamid Bouamar und der Fondation Natan berichtet.

T8: Mâcon – Lyon (80 km)

Eine wilde Mischung! Meine Komoot-App wollte mich wohl in den „Expertenmodus“ schicken. Ich habe sie irgendwann zum Schweigen gebracht und bin nach Gefühl gefahren. Kleiner Nebeneffekt von mehr als 600 km im Sattel: Meine Nase ist rot, die Lippen geschwollen (endlich Schutzbalsam gekauft!), die Knie tiefbraun und direkt darüber alles käseweiß. Um die Augen zeichne ich die Brille nach. Und an den Füßen die Sandalensilhouette. Kurz: In Marseille werde ich als Panda-Zebra ankommen und an keinem Strand vorzeigbar sein. Wisst ihr was? Das ist mir sowas von egal 😉. Auf dem Weg nach Lyon traf ich Patrick. Seit über zehn Jahren pflegt er seine kranke Mutter. Er erzählte von der Erschöpfung, aber auch davon, wie schön das Leben trotzdem ist. Ein sehr bewegender Moment – und ein stiller Gedanke an all die unsichtbaren Helfer, die sich für ihre Liebsten aufopfern. Die Ankunft in Lyon erforderte starke Nerven. Ein Hoch auf meinen Schutzengel, der heute Überstunden gemacht hat! Jetzt bin ich im Herzen der Stadt, direkt am Place Bellecour. Morgen geht’s weiter das Rhonetal hinunter. Bis morgen für den Bericht der Etappe Lyon–Tournon-sur-Rhône.

T9: Lyon – Tournon-sur-Rhône (102 km)

Zzzzzzz Verkehr… treten, treten, treten… HEISS, sehr heiß… trinken… trinken… Akku leer… ANKUNFT. So sah mein Zustand bei der Ankunft aus: völlig verflüssigt und erschöpft. Aber die Maschine ist wieder angesprungen, also erzähle ich euch von diesem Tag. Die Ausfahrt aus Lyon hat natürlich Zeit gebraucht – falsche Abzweigungen, Umwege, bis ich wieder auf der ViaRhôna war. Insgesamt eine gute Route, meist mit mindestens einem Radstreifen. Ab Givors: Postkartenidylle. Namen wie Ampuis und Condrieu lassen das Herz jedes Weinliebhabers höherschlagen. Die Weinberge von Guigal und Chapoutier kleben förmlich an den Hängen – aber keine Zeit für eine Weinstube, ich wollte Kilometer machen. Die Hitze war erdrückend, der Wind fühlte sich an wie ein Föhn auf höchster Stufe. Die Pfirsich- und Aprikosenbäume am Wegesrand wären verführerisch gewesen – ich habe mich beherrscht. Kurioser Moment: Ein Fotograf namens Régis bat mich, als „Rad-Model“ für die Eiffage-Gruppe herzuhalten – sie hatten gerade den Belag der ViaRhôna erneuert. Mein Hinterteil wird also demnächst vielleicht auf Werbeplakaten zu sehen sein. Nach fast 700 km wird es ja auch langsam vorzeigbar muskulös! Die letzten Kilometer waren hart, aber ein Anruf des Präsidenten von ASF79 Autisme Sans Frontière hat mich wieder motiviert. Akku leer, Frau leer, aber glücklich! Morgen: Tournon–Montélimar, mit Gewitterwarnung.

T10: Tournon – Montélimar (77 km)

Die Ziellinie kommt näher! Dank eines Tipps meines Hoteliers in Tournon habe ich die Hauptstraße bei Valence gemieden und bin auf der anderen Uferseite gefahren – herrlich ruhig, in einem smaragdgrünen Blätterdach und bei angenehmen Temperaturen, weit besser als die Hitzewelle gestern. Eine gute fünfzehn Kilometer später: gigantische Obstgärten – Pfirsiche, Aprikosen und sogar Kiwis! „Die Ernte ist dieses Jahr drei Wochen früher!“, erzählten mir Benoît und Magali, die ihre gelben und weißen Pfirsiche per Hand und in voller Reife pflücken. Jeder wird behutsam in eine Kiste gelegt. Was für ein Duft! Wer in Saint-Péray vorbeikommt: Kauft lokal, es lohnt sich! (http://www.le-fruitier.net/) Bei Le Pouzin kündigten die ersten Eiben den Süden an. Mehrmals wechselt die ViaRhôna das Ufer; eines der schönsten Übergänge ist die Hängebrücke von Rochemaure – 1858 erbaut, im 20. Jahrhundert teilweise zerstört und 2013 zur Himalaya-Brücke umgestaltet. Die Höhe blieb im Rahmen, keine Panik wie manchmal in den Bergen. Die Ankunft in der Banlieue von Montélimar führte mich an der Nationalstraße entlang – keine andere Wahl, als sich zwischen Lkw durchzufädeln und ein paar einsamen Gestalten am Straßenrand auszuweichen 😉. Im Hotel entdeckte ich dann die wunderschönen Fotos des gestrigen Shootings von Régis Bouchu. Morgen vielleicht ein Tanz auf der Brücke von Avignon!

T11: Montélimar – Avignon (92 km)

Ach herrje, was für ein Tag! Mistral-Wind im Rücken? Ein Traum. Von der Seite? Nervig. Von vorne? Eine Katastrophe („la cagade“, wie man hier sagt!). Auf den Brücken war es echt gefährlich – fast hätte es mich in die Rhône geweht. Gut, dass mein Rad so schwer ist! Dieser Sommermistral trug den Duft von Lavendel heran – oder genauer: Lavandin. Wie mir zwei fitte Rentner erklärten, hat echter Lavendel nur einen Blütenstand pro Stiel und wächst in der Höhe. Alain und Armand – so heißen die beiden Freunde – sind beeindruckend und topfit. Ohne E-Bike, auf echten Rennrädern. Mit 87 Jahren (!!!) ist Armand ein Geschichtskenner und erzählte mir die Legende vom Pont Saint-Esprit: Der Heilige Geist soll als 13. Arbeiter am Bau geholfen haben, ohne Lohn zu fordern – weshalb man dem Pont und der Stadt seinen Namen gab. Eine Kapelle ist sogar in die Brücke integriert, die 1944 von den Amerikanern zerstört wurde. Ich hätte stundenlang zuhören können, aber die Straße rief. Die ViaRhôna ist außergewöhnlich und das Rad fährt fast von allein. Weniger schön: die Strecke entlang der A7. In der Nähe von Orange nutzten genervte Autofahrer bei gesperrter Autobahn „meine“ Piste als Abkürzung. Als mich einer anhupte, zeigte mein Mittelfinger seine ganze Ausdruckskraft – ich gewöhne mich wohl langsam an das Temperament in Marseille! Am späten Nachmittag: Avignon. Der Papstpalast im Abendlicht – einfach überwältigend. Was für ein Privileg, solche Momente zu erleben. Morgen geht’s in die Alpilles nach Maussane – Schönheit muss man sich verdienen. Aber ist das nicht bei allen schönen Dingen im Leben so?

T12: Avignon – St-Etienne-du-Grès (Technik-Drama)

50 km Rad, dann 15 km Auto… nach Maussane

Es fing so gut an! Avignon war toll, die Dörfer Montfrin, Beaucaire, Tarascon auch. In der Ferne ein erster Waldbrand dieser Saison. In der Auffahrt zu den Alpilles – zumindest dachte ich das. Und dann: Krach! Nicht nur die Kette, viel schlimmer: Mein Gepäckspanner hatte sich im Schaltwerk verheddert. Die Kette war schnell wieder drauf, aber die elektrische Schaltung war hin. Totenstille. Nichts ging mehr. Mit aller Improvisationskunst der Welt – ein elektrischer Umwerfer lässt sich eben nicht eben mal tauschen. Große Ratlosigkeit. Die angeblich „Premium-Versicherung“ von Komoot landete in einem Callcenter in Deutschland. Zum Glück bin ich Deutsche, also kein Sprachproblem – aber meine Vertragsnummer war im System unauffindbar. Das wird noch ein juristisches Nachspiel haben, da kenne ich nichts! Das Rad blieb in einem Café in St-Etienne-du-Grès, und meine wunderbaren Gastgeber aus Maussane holten mich mit dem Auto ab (https://www.chambres-hotes.fr/). Ihre Villa ist eine Oase des Friedens. Der Fahrradverleih www.stationsbees.com in Maussane – an einem Sonntag erreichbar und obendrein vertraut mit meiner Marke Riese und Müller – das ist wie sechs Richtige im Lotto. Morgen früh hoffe ich auf eine schnelle Reparatur. Egal was passiert: Am 14. Juli stehe ich am Alten Hafen in Marseille! Ich habe das Foto von Theo vor Augen, einem autistischen Kind, dessen Eltern mir das Bild geschickt haben. Für ihn und alle anderen werde ich nicht aufgeben.

T13: Maussane – Salin-de-Giraud (94 km)

Dank Denis von Stationsbees in Maussane war das Rad mittags wieder fit. Was für ein toller Einsatz! Denis erzählte mir von seiner Arbeit in der Reittherapie mit Autisten und seiner Begegnung mit Josef Schovanec, einem Autisten mit Asperger-Syndrom und Autor des Buches „Je suis à l’Est!“ Angesichts dieser Fülle an Begegnungen fiel die touristische Erkundung der Alpilles etwas kürzer aus. Keine meditativen Betrachtungen der wilden Landschaft, kein Stopp bei den Ölmühlen, die es verdient hätten. Gegen 12 Uhr Abfahrt unter praller Sonne – aber überglücklich, wieder fahren zu können. Richtung Arles, um die ViaRhôna wiederzufinden – die berühmten Arenen ließen wir links liegen. Die Piste öffnete sich: eine sehr lange Gerade. Diesmal kein Mistral, dafür Gegenwind vom Meer mit Salzduft. Die Olivenbäume machten Platz für Reisfelder. Am Ende dieser langen Geraden erreichte ich die Fähre nach Salin-de-Giraud, am Rande der Camargue. Lilafarbene Salzgärten, Flamingos und – endlich – das Meer. Was für ein Gefühl! Zum krönenden Abschluss: ein Feuerwerk (Vorabend des Nationalfeiertags). Ich habe es als persönliches Geschenk für meine 1000 Kilometer betrachtet. Morgen die letzte Etappe! Marseille, ich komme! Drückt mir die Daumen für den Anstieg nach Martigues und die Ankunft in dieser pulsierenden blauen Stadt – in die Arme meines Mannes, der mir fehlt. Allons enfants de la patrie…

T14: Salin-de-Giraud – MARSEILLE (51 km)

„Alleine fahren ist zu gefährlich“, sagten Freunde. Ich hab’s getan. „Lyon mit dem Rad ist der Horror“, sagten andere. Ich hab’s getan. „Was machst du bei einer Panne?“, fragten meine Eltern. Es passierte, und ich fand eine Lösung. „Passt auf euch auf“, sagte mir noch gestern Abend eine Restaurantbetreiberin. Das habe ich getan – und genau deshalb musste ich mich auf einem Kreisverkehr in Fos-sur-Mer schweren Herzens zur Kapitulation durchringen und um Hilfe rufen. Ohne diese Entscheidung hätte ich diese letzten Zeilen wohl nicht schreiben können. Und das Rad ist nicht der Schuldige. Ab Salin lief alles ruhig – Departementalstraßen, wie geplant. Die Route verschlechterte sich in den Industriegebieten südlich des Étang de Berre. Google und Komoot zeigten nichts Unüberwindliches. Kein Mistral, kein Meerwind, ein Feiertag – also weniger Verkehr. In der Theorie. In der Realität: keine andere Wahl als eine vierspurige Schnellstraße. Ein Umfahrungsversuch landete in einer gruseligen Sackgasse, wo Menschen Schießübungen machten. Ich bin noch nie so schnell geradelt! Zurück auf der Straße, die immer mehr zur Autobahn wurde. Ich landete auf einem riesigen Kreisverkehr – Endstation. Mein Retter hieß Christian aus dem Moselland. Er hielt mit seinem Lkw den Verkehr an, lud mich und mein Rad ein und gab mir Schatten und Wasser, bis ich wieder bei Sinnen war. Kurz darauf holte mich mein Mann ab. Die letzten Kilometer ab Le Rove bin ich dann wieder selbst gefahren. Die Ankunft am Vieux Port war hochemotional. Sogar eine Freundin, Christiane, war da – das hat mich sehr berührt. Jetzt sitze ich auf meinem Balkon in Marseille und möchte danke sagen – von ganzem Herzen, an alle, die mich digital oder real begleitet haben. Danke an die Fondation Natan und die Association „Autisme sans frontière 79 – Apprends-moi“, dass ich ihre Farben tragen durfte. Diese 14 Tage voller Menschlichkeit werde ich nie vergessen. MERCI! Eines steht fest: Bevor ich die Strecke Camargue–Marseille nochmal fahre, werde ich mich für den Bau eines vernünftigen Radwegs einsetzen – so schön und sicher wie die ViaRhôna oder die EuroVéloroute 6. Da hat die neue Stadtverwaltung noch einiges zu tun!
Entdeckt auch meine anderen Wanderungen, zum Beispiel durch das Roya-Tal.

1 Kommentar zu „Mein erstes Fahrradabenteuer allein: Strassburg-Marseille“

  1. Pingback: Un pneu et une hirondelle

Schreibe einen Kommentar

Ton email reste privé. Les champs marqués d'une * sont obligatoires.

Nach oben scrollen