Mit den Rad von Menton nach Hyères an der Côte d'Azur

Tag 0 – Ankunft in Menton mit dem TER

Die erste Tour des Jahres 2025 führt von Menton nach Hyères: Kurs auf die milde Côte d’Azur und die EuroVelo 8. Mit dabei sind Robert und Denis, ein Freund aus Marseille, den ich durch den Super Cafoutch kennengelernt habe – jenen genossenschaftlichen und solidarischen Supermarkt in Marseille, in dem wir beide Mitstreiter sind. Drei Züge später – Carry > Marseille > Nizza – erreichen wir Menton am frühen Abend. Es ist bereits dunkel, aber die Fahrt, die größtenteils direkt an der Küste entlangführte, war einfach herrlich. Wir sind nur wenige Tage vor dem berühmten Zitronenfest (Fête du Citron) hier, und die Bäume in der Fußgängerzone sind bereits ihrer Früchte beraubt. Die Atmosphäre ist friedlich, perfekt zum Schlendern. Auf den fachkundigen Rat unserer Hotelrezeptionistin hin reservieren wir einen Tisch im Restaurant Primo, einer „Werkstatt für frische Pasta“. Auf der Speisekarte für mich: Ricotta-Ravioli in einer zart-cremigen Zitronensauce. Für die Herren: Carbonara. Beides ist absolut der Wahnsinn. Dann kommt die Zeit für den Nachtisch… oder eher für eine Überraschung. Man bietet uns an, die Tagliatelles Cacio e Pepe zu probieren, die in einem Parmesanlaib flambiert werden. Ich kannte das Konzept zwar, aber hier… die handgemachten Nudeln aus einem ganz besonderen Mehl einer piemontesischen Mühle – ein im Natursteinverfahren geschälter Hartweizen aus biologischem Anbau – übertreffen bei weitem jedes Dessert. Und wer mich kennt, weiß, dass das etwas zu bedeuten hat! Satt wie Marathonläufer fallen wir in ein schönes, festes King-Size-Bett – ich liebe es! – im Hôtel de Londres, bevor wir morgen den Col d’Èze in Angriff nehmen. Eine von der Distanz her kurze Etappe (55 km bis Antibes), aber mit einem Pass aus dem Programm der Tour de France… Nicht schlecht für den Wiedereinstieg. Bis morgen für ein paar idyllischere Fotos.

Tag 1 – Menton – Antibes

Wir sind in Menton mitten in den Vorbereitungen für das Zitronenfest gestartet. Offiziell hat es noch nicht begonnen, aber die Geschäftigkeit ist überall zu spüren… zumindest bei denen, die damit beschäftigt sind, die riesigen Zitrusfrucht-Statuen zu dekorieren. Ansonsten ist die Stadt noch ruhig, wie die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. In ein paar Tagen wird es hier schwarz vor Menschen sein, und die Zitronen könnten sich dann glatt etwas… bedrängt fühlen. Kein strahlender Sonnenschein, um sie zur Geltung zu bringen, aber immerhin regnet es nicht. Ein kurzer Tag im Sattel… theoretisch: 55 km und Ankunft um 15 Uhr. Aber in der Realität haben wir den Col d’Èze erklommen, und das ändert alles. Eine Premiere für Denis. Das vierte Mal für meinen Mann. Das dritte Mal für mich. Und eine große Premiere für Cubiton. Ich vermisse meine Ferrari ein wenig – ihr knalliges Rot hatte einfach was – aber in Sachen Performance ist Cubiton ein ganz anderes Kaliber. Scheibenbremsen bei der Abfahrt, ein stabilerer Rahmen… ein echtes Plus. Mein letzter Aufstieg auf den Pass mit der hinterherhinkenden Ferrari war mir eine Lehre: Diesmal habe ich mich nicht abhängen lassen. Die Aussicht ist immer noch spektakulär, ein wahres Geschenk für die Augen… außer wenn ein LKW angerauscht kommt und einen unsanft in die Realität zurückholt. Nach der Durchquerung von Nizza sind wir nun in Antibes. Die Meeresluft, die blühenden Mimosen, die Sanftheit der Côte d’Azur… perfekt zur Erholung. Kein Picasso-Museum diesmal. Wir ziehen es vor, durch die Altstadt von Antibes zu schlendern, bevor wir das La Place Boutique Hotel ansteuern und unsere hautengen Radleroutfits im „Tour de France Profi-Look“ gegen etwas Vorzeigbareres tauschen.

Tag 2 – Antibes – Cogolin

90 km zwischen Antibes und Cogolin. Es regnet, es gießt… aber weit und breit kein Frosch in Sicht. Nur LKWs, Autos, Baustellen und mal mehr, mal weniger heftige Schauer, die meine Brille in ein Miniatur-Aquarium verwandeln. Aber immerhin: Das Estérel-Gebirge beeindruckt mit seinen roten Klippen und den Mimosen, die gelbe Farbtupfer in die Landschaft zaubern. Zwischen zwei Kurven sticht eine kleine Kirche hervor. Ihr Dach mit den azurblauen Ziegeln bildet einen starken Kontrast zum grauen Himmel. Wir halten kurz inne, bewundern den Anblick und nutzen die Gelegenheit, die Reifen von Denis‘ Fahrrad aufzupumpen – das wir glatt Clairette (Insider!) taufen könnten. Einige Kilometer weiter halten wir am Strand von Dramont, einem geschichtsträchtigen Ort. Im August 1944 landeten hier die alliierten Truppen. Man versucht, sich die Landungsboote vorzustellen, die Soldaten… oder auch nicht. Denn letztlich, was nützen Gedenkfeiern, wenn sie nicht dazu dienen, dieselben Fehler zu vermeiden? „Nie wieder“ klingt ein wenig hohl, wenn der politische Extremismus wieder sein Haupt erhebt. Das Urteil über die Ausrüstung ist eindeutig: Regenhose top, nichts auszusetzen. Meine Jacke hingegen ist ein schlechter Witz, der jeden Tropfen durchlässt. Notiz an mich selbst: In eine echte, wasserdichte Windjacke investieren. Die Kaffeepausen haben den Tag gerettet. Ein Espresso in Cannes, gegenüber dem Martinez, und ein Matcha in Saint-Raphaël, fürs gute Gewissen. Dann geht es zum Hôtel du Coq nach Cogolin. Der Name macht neugierig, und natürlich rattert es im Kopf. Zwei Erklärungen stehen zur Auswahl. Die Legende besagt, dass der heilige Torpes (ja, der von Saint-Tropez) enthauptet und zusammen mit einem Hund und einem Hahn (Coq) in ein Boot gesetzt wurde. Das Boot trieb bis nach Saint-Tropez, während der Hahn davonflog und in einem Flachsfeld (Lin) landete. Daher „Cogolin“. Die sprachwissenschaftliche Erklärung wiederum spricht vom provenzalischen cuquihon, was einen Hügel bezeichnet, oder vom lateinischen Cucullinus, der Verkleinerungsform von cucullus (Kapuze, abgerundeter Hügel). Kurz gesagt, ein Wort, das gut über die Lippen geht. Fast ein bisschen zu gut. Los, gebt es zu, ihr habt auch daran gedacht. Morgen geht es zurück nach Hause. Die Wettervorhersage verspricht ähnlich feucht zu werden wie heute, aber zumindest erwartet uns der Mimosenwald von Tanneron. Ein bisschen Sonnengelb in all dem nassen Grau.

Tag 3 – Cogolin – Hyères

Wisst ihr, was ein rechteckiges Küken ist? Geduld, Geduld… Ein Blick auf unsere Kamera in Carry-le-Rouet bestätigt, dass bei uns zu Hause schönes Wetter ist. In Cogolin hingegen regnet es beim Frühstück in Strömen. Wir beschließen also, eine Aufheiterung abzuwarten. Denis nutzt die Zeit, um uns weiterzubilden: Cogolin ist berühmt für seine Anches – jene kleinen Rohrblätter, die Saxophone, Oboen und Klarinetten zum Schwingen bringen. Früher wurden sie aus lokal angebautem Schilf hergestellt. Aber das ist noch nicht alles! Cogolin hat eine weitere, ebenso überraschende Spezialität: das Schnitzen von Pfeifen in Form von Charakterköpfen. Versprochen, das ist kein Witz… nom d’une pipe! Um 10:30 Uhr lässt sich die Sonne endlich blicken. Wir schwingen uns auf die Räder Richtung La Croix Valmer. Der Weg ist steil, steinig und nicht wirklich für unsere Elektro-Rösser gedacht. Aber wir beißen uns durch… und unsere Akkus auch! Robert fährt wie gewohnt im Warrior-Modus – also Eco. Nach einer kleinen Google-Maps-Verirrung finden wir in Cavalaire endlich einen Radweg wieder, der einer alten Eisenbahntrasse folgt. Der Februar ist ein idealer Monat zum Radeln, außer man landet in Baustellen und riesigen Pfützen. An mehreren Stellen ist der von blühenden Mimosen gesäumte Weg gesperrt. Aber unsere treuen Gefährten – Moustache, Clairette und Cubiton – lassen sich nicht aufhalten. Sie meistern alles mit Bravour… sogar das „rechteckige Küken“ (poussin rectangulaire). Ja, ja, das ist sein echter Name, und wir haben Fotos, um seine Existenz zu beweisen. Das örtliche Bauwesen hat definitiv seinen ganz eigenen Sinn für Humor. Nach Le Lavandou und Bormes-les-Mimosas geht es weiter Richtung La Londe. Eine kurze Getränkepause, nachdem wir Robert abgehängt haben, und dann Kurs auf Hyères. Insgesamt 62 km heute, also 212 km seit Montag. Schließlich steigen wir in den TER für die Rückfahrt, wo unsere Räder mit ihren eigenen Gurten angeschnallt werden. Die SNCF versteht bei der Sicherheit keinen Spaß, selbst bei Zweirädern. Und wir finden das klasse. Ehrlich gesagt ist die vertikale Lagerung eine namenlose Qual und mein Fahrrad ist einfach zu lang dafür. Bis zum nächsten Abenteuer an der Côte d’Azur!
Entdecke auch die erste Etappe unserer Radreise an der Mittelmeerküste zwischen Arles und Argelès-sur-Mer sowie unsere Strecke Menton-Sanary aus dem Vorjahr.

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