
Tag 1 – Louveciennes–Maintenon – Ein königlicher Auftakt
In den letzten Jahren ist das Radwegenetz um viele verlockende Ziele reicher geworden.
Nachdem wir dieses Jahr bereits die französische Mittelmeerküste erkundet haben, zieht es uns nun in den „hohen Norden“ – der für uns schon kurz oberhalb von Salon-de-Provence beginnt. Unsere treuen Begleiter auf zwei Rädern, Cubiton und Moustache, sind sicher auf dem neuen Fahrradträger verstaut. Erster Zwischenstopp: Das Elsass, um unsere Kinder und Enkelsohn Nummer 3 zu besuchen. Die Zeit verfliegt einfach zu schnell!
Trotz vollem Terminkalender radeln wir durch die Weinberge und entlang des Breusch-Kanals zwischen Mutzig und Straßburg. Alles ist perfekt, bis der Regen die Idylle kurz stört.
Dann geht es weiter nach Paris. Wir besuchen die Enkelsöhne 1 und 2 – zwei lebhafte Wirbelstürme. Hut ab vor allen jungen Eltern!
Vor der Abfahrt machen wir noch ein Selfie vor den olympischen Ringen am Eiffelturm, bevor wir unsere Freunde in Louveciennes treffen.
In Louveciennes startet unser eigentliches Abenteuer auf der Véloscénie mit dem Ziel Mont-Saint-Michel.
Der Altweibersommer begleitet uns. Wir starten gegen 9:30 Uhr in der Nähe des Schlosses, in dem einst Madame du Barry, die Mätresse Ludwigs XV., lebte. Unsere modernen Räder sind bereit für die Reise bis zum Ärmelkanal. Unter strahlend blauem Himmel radeln wir durch grüne Waldkathedralen und legen in Cernay eine Mittagspause ein.
Nach 85 km erreichen wir Villiers-sur-Morhier. Den Abend lassen wir in Maintenon ausklingen – nicht bei der geheimen Gemahlin Ludwigs XIV., sondern in einem der wenigen Restaurants, die sonntagabends geöffnet haben.
Eine Reise wie diese erinnert uns: Die wahre Noblesse liegt nicht in Titeln, sondern im Herzen und in geteilten Momenten.






Tag 2 – Maintenon–Thiron-Gardais – Von Proust und stillen Örtchen
Heute stehen Chartres, Illiers-Combray und versteckte Dörfer wie Sandarville auf dem Programm.
Der Morgen beginnt mit einem Festmahl: Unsere Gastgeber Jacques und Ghislaine verwöhnen uns mit hausgemachter Brioche, cremigen Joghurts und Pfannkuchen mit Honig-Haselnuss-Karamell. „Ein absoluter Traum“, wie mein Mann sagen würde.
Frisch gestärkt gleiten Cubiton, Moustache, Scottie und Scotty wie auf einem Samtteppich Richtung Chartres. Sie piafften vor Ungeduld, als sie die Kathedrale und ihr berühmtes Labyrinth witterten. Wir halten natürlich für einen Moment der Stille an. Die Kathedrale, in der einst Heinrich IV. gekrönt wurde, ist ein Juwel der Ruhe.
Danach geht es weiter nach Illiers-Combray, der Heimat von Marcel Proust. Wusstet ihr, dass ein Detail hier fast berühmter ist als Prousts Madeleine? Sein WC! Ein stilles Örtchen aus dem 17. Jahrhundert, das so geschichtsträchtig ist, dass es nie ersetzt wurde. Die lokale Immobilienagentur heißt passenderweise „La Petite Commission“ (Die kleine Verrichtung). Man traut sich kaum, nach dem Slogan für die Vermittlung der Fachwerkhäuser zu fragen…
Wir radeln weiter durch das Perche mit seinen sanften grünen Hügeln und weißen Kühen. Es ist viel schöner als die endlosen Felder um Chartres. Wir entdecken sogar, wie Buchweizen (Sarrasin) auf dem Feld aussieht.
Unser heutiges Quartier in Thiron-Gardais ist originell: Wir schlafen im alten Schulgebäude des Dorfes! Nach 80 Kilometern freue ich mich nun auf die Spezialitäten im Restaurant der Abtei.




















Tag 3 – Thiron-Gardais–Mêle-sur-Sarthe – Ritter, Schlösser und Seidenstraßen
Das Restaurant der Abtei war jeden Cent wert – ein verdienter „Bib Gourmand“. Wir erfahren, dass der berühmte Moderator Stéphane Bern gleich um die Ecke wohnt und das „Collège Royal et Militaire“ gerettet hat.
Die Müdigkeit macht sich bemerkbar. Manche Sättel sind nicht für Langstrecken gemacht, und mein Mann kämpft mit einem Schnupfen. Doch die hügelige Landschaft ist Balsam für die Seele.
In Nogent-le-Rotrou, der Hauptstadt des Perche, machen wir Halt vor der Burg der Grafen – eine Kulisse wie aus einem Mantel-und-Degen-Film.
Nach einigem Suchen finden wir den Weg auf die „Voie Verte“. Diese grüne Route auf einer alten Bahnstrecke ist ein Traum, auch wenn der Belag manchmal etwas grob ist. In Mortagne-au-Perche machen wir Pause in der Geburtsstadt eines Freundes.
Schließlich erreichen wir nach 80 km Mêle-sur-Sarthe. Unser Hotelchef ist ein leidenschaftlicher Motorradfahrer, der schon die Paris-Dakar mitgefahren ist! Seine nächste Tour? Rajasthan. Dagegen wirken unsere Räder fast bescheiden. Aber wer weiß – vielleicht plane ich bald einen Trip entlang der Seidenstraße statt einer französischen Eskapade? Für heute reicht aber erst mal das verdiente Ausruhen.





Tag 4 – Mêle-sur-Sarthe–Bagnoles-de-l’Orne – Das Glück des „Musardierens“
Der Tag beginnt mit einer Panne: Moustache hat einen Platten. Doch das Schicksal meint es gut: Direkt vor dem Hotel ist Markt, und der erste Stand ist – ein mobiler Fahrradreparateur! In null Komma nichts ist der Schlauch gewechselt und die Bremsbeläge sind erneuert. Moustache hat einen Schutzengel!
Die Strecke ist wunderschön. Im Wald treffen wir einen Pilzsammler (ein ehemaliger Fahrradmechaniker – schon wieder!), der uns vor einem gesperrten Weg bewahrt. Er erspart uns 2 km Umweg und eine Flussüberquerung ohne Brücke.
In Alençon besuchen wir kurz die Basilika und grüßen Louis und Zélie Martin, die Eltern der Heiligen Therese.
Hinter der Stadt wählen wir die sportliche, hügelige Variante nach Carrouges. Es geht steil bergauf, aber die Abfahrten sind köstlich – neuer Rekord: 51 km/h! Das Schloss von Carrouges ist ein echtes Highlight der Normandie.
Schließlich erreichen wir den Kurort Bagnoles-de-l’Orne, wo unsere Freunde vor 39 Jahren geheiratet haben.
Hier denke ich über das Wort „musarder“ (bummeln/verweilen) nach. Die negative Definition lautet: Zeit mit Kleinigkeiten verschwenden. Ich sehe das anders. Ist es Zeitverschwendung, das smaragdgrüne Dach des Radwegs zu bestaunen? Das Eichhörnchen am Wegrand? Den Fuchs, der im Unterholz verschwindet? Diese „Kleinigkeiten“ halten die Zeit nicht auf – sie lassen sie innehalten. Wir sind keine Zeitverschwender, sondern Genießer, die verstanden haben, dass Zeit ein Geschenk ist.
Ghislaine, eine unserer ersten Gastgeberinnen, zitierte den Satz von Maud Ankaoua, der Autorin von „Kilomètre zéro“: „Aujourd’hui est un cadeau, c’est pourquoi il s’appelle présent.“ Also: Auf dem Weg unseres Lebens – lasst uns bummeln…






Tag 5 – Bagnoles-de-l’Orne–Ducey – Ein rasanter Tag
Vom Herrenhaus durch den Wald der Andaines,
Ein Frühstück zum Gedenken, ganz ohne Weinen.
In sportlicher Montur, die Beine bereit,
Croissant, Kuchen und Camembert – es ist soweit!
Wir treten in die Pedale, stark wie ein Löwe,
Plötzlich Lamas in Perrou – was für ein Getöse!
Ein Foto im Kasten, kein Spucken, kein Zorn,
Die Räder fliegen dahin, weit nach vorn.
In Domfront gibt es köstliche Cannelés,
Ein Rezept wird geteilt – doch dann ein Oha!
Ein Nachbar schimpft über unsere Räder im Weg,
Wir ziehen weiter, über Stock und über Steg.
Mehr loin, eine Moto Midual,
Ein Meisterwerk aus Angers,
Von einem Wert, kolossal,
Wir streicheln den Sattel zur Bewunderung.
Weiter auf unseren bescheidenen Rädern,
Auf einer weiteren Voie Verte,
Moustache und Scotty galoppieren im Wind.
Endlich, eine Pause in St-Hilaire d’Harcouët,
Auf einem Platz läuten Glocken für den Abschied,
Ein Unbekannter tritt seine letzte Reise an.
Genießen wir jeden Moment, das ist der Plan,
Jeden Muskelkater und die Fliege im Zahn.
In Ducey werfen wir den Anker für die Nacht,
Morgen wird die letzte Etappe vollbracht.







Tag 6 – Im Schatten des Berges – 500 Kilometer Freiheit
Wollt ihr wissen, ob wir es geschafft haben?
Haben wir den Mont-Saint-Michel gefunden, dieses Juwel aus Stein und Wasser?
Ja! Über 500 Kilometer liegen hinter uns. Von Ducey aus radeln wir eine gute Stunde, bis das Wunder der Normandie endlich aus dem Nebel auftaucht. Die schlammigen Wege haben unsere Räder völlig gezeichnet – sie brauchen dringend eine Grundreinigung.
Plötzlich steht er da: Der majestätische Berg. Trotz der frühen Stunde (9:35 Uhr) wimmelt es von Menschen. Das Meer feiert unsere Ankunft mit einer Springflut (Koeffizient 115). Touristen warten barfuß darauf, die letzten hundert Meter durch das steigende Wasser zu waten, das so schnell kommt wie ein Pferd im Galopp. Ein überwältigender Anblick!
Welcher Stolz, dieses Ziel erreicht zu haben!
Nach den obligatorischen Fotos radeln wir entlang der Deiche Richtung Granville. Unter strahlend blauem Himmel genießen wir die Schönheit des Departements Manche. Wir kehren in dem urigen Restaurant „La Pause des Genêts“ ein – ein Ort zum Stöbern und Schlemmen.
In Jullouville bestaunen wir den endlosen Strand. Ich finde eine Jakobsmuschel im Sand – vielleicht ein Zeichen für meine nächste Pilgerreise?
Den Abend lassen wir in Granville bei Miesmuscheln von den Chausey-Inseln ausklingen. Diese Inseln verändern ihr Gesicht mit den Gezeiten: Bei Flut sind es 52 Inseln, bei Ebbe kommen 365 zum Vorschein!
Nun sitzen wir im Zug nach Paris – übrigens die einzige Strecke in Frankreich, die mit Rapsöl betrieben wird. Heute Nachmittag geht es zurück nach Carry, die Räder sicher auf dem Träger, bereit für das nächste Abenteuer.










Entdecke auch unseren Bericht über unsere Tour entlang der Loire!








