
Tag 1 – Von Béziers nach Capestang
Passend zur Fête de la Musique lädt mich mein Wander-Anhänger ein, den Windungen des Canal du Midi zu folgen – von Béziers nach Carcassonne, vielleicht sogar bis Toulouse, sofern ich mich nicht auf der Voie du Piémont verirre. Nachdem ich den letzten Punkt unter den ersten Entwurf meines Romans gesetzt habe, fühle ich mich wie eine Barke, die ziellos im Wasser treibt. Ich warte auf das Feedback des Lektorats und wage es nicht, neue Projekte anzufangen. Meine Neuronen schreien um Hilfe, genau wie Myrtille und Antoine, meine imaginären Begleiter der letzten sechs Monate. Nein, ich habe nicht den Verstand verloren. Ich habe meinen ersten Roman geschrieben – „Das Krachen einer Sekunde“ (Le fracas d’une seconde), ein Projekt, das mir wirklich an die Nieren gegangen ist. Auch mein Rücken, krumm gebeugt von den Stunden auf dem Sofa, verlangt nach einer Brise frischer Luft. Um nach Béziers zu kommen, hatte ich den Direktzug um 6:35 Uhr ab Vitrolles geplant. Ja, die Morgendämmerung brennt in den Augen! Aber ich hatte nicht mit den Launen der SNCF gerechnet. Alle Züge hatten Verspätung, und der angezeigte Zug war nicht der, der schließlich einfuhr. Ich saß schon drin, als ich den Schwindel bemerkte. Glücklicherweise zeigten sich die Kontrolleure gnädig, und ich erreichte Avignon ohne Probleme, wo ich fünf Minuten später meinen Anschluss nach Béziers fand. Von Béziers bleibt mir das Bild einer Stadt mit verblasstem Charme, in der sogar das Brot seine Seele verloren zu haben scheint. Zum Glück wecken die neun Schleusen von Fonseranes meine Reisefreude wieder. So beginnt mein Abenteuer – halb Jakobsweg, halb Entdeckungsreise. Die Kilometer ziehen an mir vorbei, und meine neuen Wanderschuhe bewähren sich prächtig, genau wie meine Socken aus Mohair: atmungsaktiv und weich. An Tag 1 sind keine Blasen zu beklagen. Unter der strahlenden Sonne bin ich fast die Einzige, die zu Fuß unterwegs ist. Der Canal du Midi ist das Reich der Radtouristen, vor allem Deutsche und Niederländer. Auf dem Wasser belebt ein Ballett aus Booten und Penichen die Landschaft. Die Passagiere scheinen jeden Augenblick zu genießen. Ein Paar tanzt an Deck – bereit für das Musikfest. In Poilhes (man spricht das ‚L‘ nicht aus) mache ich eine kleine Bierpause in der Vinauberge. Wein wäre passender gewesen, aber weder die Uhrzeit noch die Hitze laden dazu ein. Die junge Frau, die mich bedient, hat einen vertrauten Akzent. Im Handumdrehen vertiefen wir uns in ein Gespräch auf Deutsch. Was sie hierhergeführt hat? Die Liebe zu Frankreich und zu einem Franzosen natürlich. Ah, die Liebe – ein Gebiet, auf dem die Franzosen glänzen. Nun bin ich in Capestang, wo ich mein Zelt aufgeschlagen habe, trotz eines verspielten Windes, der die Heringe auf die Probe stellt. Morgen ist das Ziel noch unbekannt. Ich habe beschlossen, mich von meinen Füßen leiten zu lassen und hoffe, die 32.000 Schritte von heute noch zu übertreffen.







Tag 2 – Von Capestang nach Le Somail
Heute ein kurzes Stück im Schneckentempo… 3 km/h, weit entfernt von den 5 km/h im letzten April. Der Gegenwind, die drückende Hitze und eine unruhige Nacht waren nicht gerade hilfreich. Ich hatte mein Zelt in der Nähe eines Tennisplatzes auf dem Stadtcampingplatz von Capestang aufgeschlagen, und die Spieler ließen ihre Bälle bis 1 Uhr morgens knallen. Im Morgengrauen riss mich dann ein Konzert von Krähen aus dem Schlaf. Also was soll’s… ich halte so oft wie nötig an. Ich genieße ein Croissant und ein Milchbrötchen mit weißer Schokolade und speise wunderbar in der Auberge de la Croisade: Paprika-Brunoise, Seelachsfilet mit Barigoule-Püree, eine Auswahl an Mini-Desserts. Bei der Ankunft am Ziel macht ein Aprikosensaft aus Le Somail das Ganze perfekt. Kurz gesagt: „Kilometer und Gaumenfreuden“ (Kilomètres et Papilles), das ist es eben auch… der Genuss, die guten Produkte. Auf dem Weg treffe ich eine Italienerin, die allein auf einem klassischen Fahrrad ohne E-Motor unterwegs ist. Auch sie leidet unter dem unaufhörlichen Wind. Auf den letzten sechs Kilometern ist der Kanal von prächtigen Pinien mit rissiger Rinde gesäumt. Ich liebe das! Ich sammle ein paar verstreute Stücke vom Boden auf: Daraus lässt sich etwas gestalten. Ein Bild, ein Gedicht… Die Rinde bricht Das Wasser bebt Der Wind sich auflehnt Die Wurzeln trinken tief Unterm Pinien-Dach Der Weg sein Geheimnis haucht Elemente im wilden Tanz Einfach, wahr, im Einklang. Heute Abend kein Camping, sondern ein gemütliches Bett auf der Peniche Mariance in Le Somail, die wir bereits im März kennengelernt hatten. Ein Gewitter droht. Ein Zelt ist schließlich kein Faradayscher Käfig.




Tag 3 – Von Le Somail nach Pépieux
An diesem dritten Wandertag wurde der Rekord gebrochen: 40.700 Schritte, also fast 28 km. Mein Körper beginnt sich an diesen Rhythmus zu gewöhnen. Die Nacht auf der Peniche Mariance war ein Segen: ein echtes Bett und im Trockenen! Letztendlich hat es gar nicht geregnet. Das Frühstück, eines Gargantua würdig, bestand aus hausgemachten Pancakes und Crêpes, köstlich eingekochten Marmeladen ohne Zucker, dafür mit einem Löffel madagassischem Honig. Ein Genuss, der mir überbordende Energie verliehen hat! Ich marschiere zügig am Kanal entlang. In Paraza mache ich Halt in einer kleinen Bar und unterhalte mich mit der Wirtin über die introspektive Kraft des Wanderns. Eine Begegnung, wie ich sie liebe! Sie erzählt mir von einer deutschen Freundin, die von München nach Santiago gelaufen ist. Dagegen bin ich noch ein Lehrling. Sie empfiehlt mir das Buch Kilomètre Zéro von Maud Ankaoua, das diese nach einem Burn-out und der beim Wandern gefundenen Gelassenheit geschrieben hat. Das wird meine nächste Lektüre! Der Weg geht weiter, mit einem Umweg über die Höhen, um eine belebte Landstraße zu vermeiden. Nach einer ausgiebigen Mittagspause erreiche ich bei Roubia wieder den Kanal. Mein Weg führt mich weiter nach Homps und schließlich nach Pépieux, mitten im Minervois. Die Landschaften sind herrlich… weniger herrlich ist der Ein-Sterne-Stadtcampingplatz… rudimentär, fast spartanisch, aber für 7 € die Nacht kann man sich kaum beschweren. Zufall oder nicht: Ich treffe dort die italienische Radfahrerin wieder! Dort baue ich mein Zelt auf, was wegen des launischen Windes gar nicht so einfach ist. Ein Wohnmobilist leiht mir einen schweren Hammer. Damit verschwinden die Heringe wie von selbst in der trockenen, staubigen Erde. Morgen geht es Richtung Carcassonne, wahrscheinlich über die Voie du Piémont. Auch wenn ich bezweifle, die mittelalterliche Stadt an einem Tag zu erreichen, motiviert mich der Gedanke, ihre majestätischen Festungsmauern zu erblicken.







Tag 4 – Von Pépieux nach Rustiques
Schon 100 km… Müsste ich dieses Epos in wenigen Worten zusammenfassen: Wandern auf der Voie du Piémont, 44.000 Schritte, ein Schlossleben, das keines war, und eine erschöpfte Ankunft in einem Gästezimmer, das absolut nicht „rustikal“ war. Lasst mich euch die Details dieses Abenteuers erzählen, während die Nacht hereinbricht. Die Nacht auf dem Campingplatz von Pépieux war ganz okay. Ich bin wieder auf die Voie du Piémont Pyrénéen (Camin Romieu) in Azille gewechselt, einer Stadt voller Charme. Der Weg, der auf einer alten Eisenbahnstrecke verläuft, schlängelt sich durch idyllische und anfangs schattige Landschaften. Aber dann: Die Temperatur steigt und erreicht locker 30 °C. Ich treffe fast niemanden. Dieser vierte Jakobsweg hat noch nicht die Berühmtheit, die er verdient; vielleicht bevorzugen die Pilger die Berge hinter Carcassonne. Ich versäume es, meine Trinkflasche bei einer Pause aufzufüllen, weil ich den Besitzer eines R4 – der an einem Hang parkt – darauf hinweise, dass sein Tank tropft. Infolgedessen spiele ich Kamel und rationiere mein Wasser. Aber am Ende des Tages ist kein Tropfen mehr in meinem eigenen „Reservoir“! Ich beschließe, das nächste Gästezimmer zu buchen. Ah, ein Schloss! Niemand geht ans Telefon, ich buche über Booking. Pech gehabt: Man muss 1,5 km bergauf steigen. Motiviert von der Idee, Schlossherrin zu spielen, steige ich hinauf. Völlig außer Atem vor dem Gitter sehe ich zu spät eine SMS: Es ist niemand da, um mich zu empfangen. Verzweifelt bettle ich bei einer Nachbarin des Schlosses um Wasser, einer älteren Dame, die mit drei wirbeligen Enkeln kämpft. Überraschung: Sie ist die Besitzerin, hat aber die Verwaltung des Schlosses aufgegeben. Sie rät mir, das Dorf über einen nahen Pfad zu erreichen. Google übernimmt und schickt mich auf Wege, die von hüfthohem Gras überwuchert sind. Ich fluche, der Chariot streikt, und mein Rucksack scheint entschlossen, sich auf den Boden zu legen. Ich fordere ihn auf, mit den Kapriolen aufzuhören, aber er bleibt stur. Die Sonne lässt meine Neuronen schmelzen. Schließlich finde ich ein charmantes Gästezimmer in Rustiques, das L’Écrit Vin, geschmackvoll in einer alten Weinhalle eingerichtet. Als ich endlich ankomme, bin ich kurz vor dem Kollaps. Ich habe den Bogen etwas überspannt. Morgen Carcassonne, endlich! Ich zögere, ob ich bis Castelnaudary weiterlaufen soll, dem Reich des Cassoulet. Immerhin sind 100 km schon mal was. Ich muss Arbeit für eine Kundin abliefern, die Menschen mit Flugangst coacht (für mich besteht da keine Gefahr), und das Arbeiten auf einem Tablet ist unpraktisch. Außerdem: Ein Cassoulet bei 30 °C… ich fürchte die Kollateralschäden…








Tag 5 – Von Rustiques nach Carcassonne
Nach einer traumhaften Nacht in einem King-Size-Bett auf einer extra-festen Matratze trödele ich am Morgen herum, plaudere… Die Hausherrin stammt aus dem Jura und hat die Welt der Psychiatrien gegen ein Leben auf dem Land und lange Gespräche mit ihren Gästen eingetauscht. Sie nimmt sich Zeit zum Reden, ganz im Gegensatz zur Abfertigung in manchen Herbergen. Gerührt erzählt sie davon, wie Eltern ihre inzwischen dreißigjährigen Kinder auf Wanderungen wiederfinden, ohne unbedingt viel zu reden. Einfach das Vergnügen, Zeit miteinander zu verbringen. Nach jedem Besuch notiert sie in ihr persönliches Notizbuch ein paar Worte über die Persönlichkeit des Gastes. Was wird sie wohl über mich geschrieben haben? Die erschöpfte Frau, die Halbe-Deutsche? Jedenfalls kann man selbst in fünf Tagen prägende Begegnungen haben. Gestärkt von so viel Wohlwollen beschließe ich, dieses auch meinem eigenen Körper gegenüber walten zu lassen. In Trèbes gönne ich mir eine Atempause. Die Entscheidung ist gefallen: 12 km weiter liegt der Bahnhof von Carcassonne. Dort werde ich aufhören, es ist einfach zu heiß. Es wäre unvernünftig. Ein kurioses Foto eines Eiswagens am Wegesrand reicht nicht aus. Auch wenn ich viel trinke und mein Körper schwitzt wie selten zuvor, muss ich ihn schonen. Wir wollen ja die myeloproliferative Neoplasie nicht reizen – meinen Mitbewohner „Krabbe“, der sich vor einigen Jahren ungefragt bei mir eingenistet hat, mich aber gelehrt hat, das Leben mit beiden Händen zu packen. Die zwölf Kilometer ziehen sich dahin, regelmäßig Baumalleen, mal Eichen, mal Platanen, die dem „Platanenkrebs“ entkommen sind, Zypressen und eine Schar von Arten, deren Namen ich nicht kenne. Kurz vor Carcassonne häufen sich die Schleusen. Schließlich erblicke ich die Festungsstadt… zu weit weg vom Bahnhof, mindestens 2 Kilometer. Egal, ich besuche sie ein andermal, mit weniger Gepäck. Der Intercités ist fast pünktlich. Ich genieße den Luxus der ersten Klasse; in einigen Wagen ist die Klimaanlage ausgefallen, in meinem nicht. Was für ein Glück! In St-Charles erwartet mich mein Mann. Er opfert dafür das Fußballspiel von Frankreich gegen… wen noch gleich? Ich bin zen, mein Rucksack ist bereits geleert, im eigentlichen wie im übertragenen Sinne – vor allem in mir selbst. Ein Besuch im Spa krönt die intensiven Anstrengungen: 115 km in 5 Tagen, kein Ultratrail… aber mein Körper sagt danke. Die Rückenschmerzen sind weg und dank der Merinosocken… null Blasen. Danke, dass ihr mich bis hierher begleitet habt. Ich freue mich darauf, künftige Ausflüge oder Berichte mit euch zu teilen. Eines ist sicher: Das Schreiben ist lebensnotwendig geworden!




Entdecke auch einen anderen Ausflug am Canal du Midi – mit dem Rad während einer Tour am Mittelmeer zwischen Arles und Argelès sowie den Abschnitt mit dem Rad zwischen Carcassonne und Toulouse.





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