
Richtung Toulouse: Abschiedstour auf dem Canal du Midi
Tag 1 – Von Carcassonne zum Port Lauragais
Toulouse, die Stadt in Rosa! Juli 2014 kam Ferrari in mein Leben. Tausende Kilometer haben wir gemeinsam geschafft: Job, Uni, Freizeit. Von Straßburg bis Marseille, die ganze Mittelmeerküste. Jetzt macht Ferrari Platz für Cubiton.Abschied von Ferrari: 12 Jahre Treue
Ein feiner Kerl braucht kein Getöse. Seine treue Art reicht. Es ist emotional. Die letzten Kilometer auf meinem Ross der ersten Stunde. Von Carcassonne nach Léguevin – 130 km am Kanal entlang. Dann heißt es Abschied nehmen. Ferrari gehört ab jetzt meiner Tochter. Ein Verkauf kam niemals infrage. Ein zwölf Jahre altes Modell ist technisch vielleicht von gestern, aber die vielen Erinnerungen verdienen Respekt. Ferrari ist bei meiner Tochter in besten Händen.Training zum Start
Zwei Züge: Carry–Marseille, dann Carcassonne. Das Einladen ist jedes Mal ein Kraftakt. In Carry ist der Spalt zur Zugschwelle locker 40 cm hoch. Man hat eine Minute Zeit. Mein Mann half mir beim Wuchten, obwohl er gar nicht mitkommt. Der französische Intercity nach Bordeaux ist echt in die Jahre gekommen. Da habe ich die deutschen Intercitys deutlich komfortabler und moderner in Erinnerung. Hier: drei furchtbar hohe Stufen, enger Eingang, 90-Grad-Kurve zum Fahrradabteil. Ein Hindernislauf. Ferrari wiegt zwar weniger als Cubiton, ist mit 25 kg aber trotzdem ein Brocken. In Carcassonne war das Ausladen ein Kampf. Durch den Wald von Lenkern hindurch, abhängen dank Schwerkraft. Wieder durch die engen Türen, die drei Stufen runter. Die zwei Fahrradtaschen. Das Fahrrad hakt irgendwie, die anderen Fahrgäste sind geduldig, zum Glück habe ich hier 6 Minuten Zeit. Good News: Diese Bahnsteige haben endlich mal lange Aufzüge! Kein Treppen-Drama. In anderen Bahnhöfen passt das Rad oft nur senkrecht rein. Das heißt, wieder schleppen, die Taschen, das Rad separat und die nächsten Treppen wieder hoch. Der Versuch mit Rolltreppen ging einmal bei einer anderen Reise fast schief. Hier: Alles easy.Canal du Midi: Von der Wasserscheide und der „Gourde“
Action macht durstig. Ich öffne die Tasche: Die Trinkflasche ist ausgelaufen. Fast leer. Na toll! Hier kommt der französische Witz: Die Trinkflasche heißt „Gourde“ – und „une gourde“ nennt man im Französischen auch jemanden, der sich extrem tollpatschig anstellt. Also: Ich bin eine Gourde mit einer leeren Gourde. Zum Glück war das meiste in Ziploc-Beuteln. Nur zwei Kleider waren nass. Sie werden trocknen. Ich will in Toulouse ja nicht in „Windeln“ rumlaufen! Kurze Pause in einer Guinguette. Foie Gras? Nein, nur ein Diabolo Menthe. Die Strecke rollt. 90 % Schotter, aber gepflegt. Überall Hausboote. Im Nu passiere ich Castelnaudary. Ich widerstehe dem Cassoulet. Nach 60 km erreiche ich den Seuil de Naurouze, den höchsten Punkt. 189 Meter. Hier verläuft die Wasserscheide zwischen Mittelmeer und Atlantik. Ein technisches Wunderwerk von Pierre-Paul Riquet.Warum das Hotel „Fast“ heißt
Port-Lauragais … auf einer Autobahnraststätte. Schlafen auf der Raststätte – auch eine Premiere. Der Name Fasthotel passt wohl eher zum Tempo der Autos. Zum Glück ist das nahgelegene Autobahnrestaurant recht vernünftig und bietet lokale Leckereien an. Ich entscheide mich für eine Salade Gourmande, mit einem Hauch Foie Gras, verschiedenen Innereien, Leber, etc. Ein Genuss! Morgen geht’s früh weg. Gewitter sind angesagt. Blitze und Wasserwege sind keine gute Kombi für Radler. Noch 60 Kilometer bis zur Stadt in Rosa.












Tag 2 – Port Lauragais – Léguevin via Toulouse
Was für ein Genuss! Die 63 Kilometer bis Léguevin waren der absolute Hammer. Fast nur Asphalt. Ferrari schnurrt, ich auch. Ich hätte ewig weiterfahren können. Richtung Atlantik, die Vélodyssée entdecken… Die Idee sitzt im Kopf. Aber heute: Ferrari-Lieferung bei meiner Tochter. Ich starte früh. Der Radweg führt lange an der Autobahn entlang. Stört kaum, die Vögel zwitschern dagegen an. Wenig Leute unterwegs – außer den Profis auf ihren hauchdünnen Rennrädern. Schleuse um Schleuse, Fotostopps. Eine Ziegelbrücke sieht aus wie die andere. Dann die Brücke Madron, der „Apfelfresser“. Die bunten Hausboote sind toll. Ich lese die Namen: Elfe, Baladin und… Maya. Dann eine Johanna. Johanna ist der Name meiner Tochter. Ein Zeichen des Schicksals! Es führt mich direkt zu ihr.Zebrastreifen-Kultur
Toulouse kündigt sich an. Das Airbus-Gelände ist riesig. Überall Kameras. Werde ich gefilmt? Erscheint Ferrari auf einem Monitor? Foto vom Logo und weiter geht’s Richtung Zentrum. Alles top ausgeschildert. Toulouse ist die Fahrradstadt schlechthin. Überall Radwege! Beeindruckend: Der Respekt der Autofahrer an den Zebrastreifen. Kaum schnuppert mein Vorderreifen an der Markierung, halten sie an. Bei mir am Mittelmeer passiert das nie. Da wird man eher angepöbelt.Rad-Abenteuer Ende, Familien-Zeit Anfang
Jetzt liege ich auf der Couch. Kein Meer, keine Löschflugzeuge. Dafür Familienzeit und Blick auf im Minutentakt startende Militärmaschinen von einem Flugplatz in der Nähe. Das macht nachdenklich: So ganz geheuer ist mir das nicht. Dennoch: Genieße das Leben! Heute lassen wir es uns gut gehen. Nachmittags: Perücken-Party! Abends: Ab in die Halles de la Cartoucherie – ein Food-Tempel auf 3.000 Quadratmetern. Morgen Kino: Der Teufel trägt Prada 2. Miranda Priestly fände meinen Look sicher furchtbar… aber nach diesem Trip sehe ich das Leben sowieso nur durch die rosarote Brille!


















Entdecke meinen Bericht zu Fuß zwischen Béziers und Carcassonne.








