Schwalben, Reifen und Forellen

Chronik: Der Tag, als ein Platten uns die Forelle des Jahrhunderts kostete

Es gibt zwei ungeschriebene Gesetze, wenn man mit dem Rad reist.

Erstens: Man hat niemals die volle Kontrolle über das Wetter. Zu heiß, zu nass, zu windig. Zweitens: Mit dem Abendessen spaßt man nicht. Erst recht nicht, wenn das Tagesziel der Jura ist, um dort eine Forelle aus der Loue zu genießen, von der ich seit 2020 träume. Das kulinarische Ziel stand also fest. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Verrat unseres Materials gemacht.

Unplattbare Reifen?

Für diese Tour hatte Robert sein Moustache-E-Bike mit den berühmten Schwalbe Marathon Plus ausgestattet. Wegen ihrer dicken Schutzschicht haben diese Reifen den Ruf, unzerstörbar zu sein – sie sind allerdings auch so schwer, dass man sich eher wie auf einem Traktor fühlt als auf einem Fahrrad. Ich bin dennoch seit 12 Jahren ein Fan. Kleiner Exkurs am Rande: Wusstest du, dass „Schwalbe“ eigentlich eine Übersetzung aus dem Englischen ist? Der Gründer Ralf Bohle übernahm die Idee von seinem koreanischen Partner, dessen Reifen „Swallow“ hießen. Er wollte einen Namen, der den Radfahrern in seiner Heimat direkt vertraut vorkommt. Aber zurück zu unserer kreisförmigen Schwalbe. In den ersten zwei Tagen ab Straßburg lief alles perfekt. Wir fühlten uns unbesiegbar. So unbesiegbar, dass unser Reparatur-Set eher von blindem Optimismus zeugte als von echtem Wissen.

Das Drama und der Retter vom Schwarzen Meer

Hier folgt eine kleine technische Lektion – und ich gebe offen zu, dass ich sie bis zu diesem Tag schändlich ignoriert hatte: Ein „unplattbarer“ Reifen ist nur die äußere Rüstung. Wenn eine wirklich hartnäckige Glasscherbe diese Rüstung durchbricht, ist die „Chambre à air“ – grob übersetzt, Luftzimmer, also der Schlauch im Inneren – trotzdem hinüber. Das Rad macht Pssshhht und das Ross sackt zusammen. Da standen wir nun. 15 Kilometer von Belfort entfernt. Dritter Reisetag und schon die ersten technischen Hürden. Das Hinterrad eines schweren E-Bikes auf offener Strecke auszubauen, ist eine echte Mission. Doch dann die Rettung: Ein Radler hielt an. Weißer Bart, gütiges Lächeln. In seinen Packtaschen versteckte sich ein Geschenk des Himmels. Dieser „Weihnachtsmann auf Rädern“ kam gerade vom Schwarzen Meer und war auf dem Weg nach Bordeaux! Mit der Routine eines Profis half er uns, den Schlauch zu wechseln und die Luft wieder reinzubekommen, damit wir weiterziehen konnten.

Das Jura-Dilemma und die Rache des Kräutertees

Mühsam retteten wir uns in unsere Unterkunft. Eine idyllische, aber völlig abgeschiedene kleine Siedlung. Die Nachbarn liehen uns eine Standpumpe, um das Biest wieder ordentlich aufzupumpen – unsere kleine Handpumpe war da völlig überfordert. Genau jetzt folgte das psychologische Drama: Das Forellen-Restaurant in Quingey war 10 Kilometer entfernt. Zwanzig Kilometer hin und zurück, bei Nacht, mit einem notdürftig reparierten Hinterrad? Die Angst, im Stockfinstern liegenzubleiben, war größer als der Hunger. N.B.: Falls ich dir jetzt Appetit gemacht habe – das bekannte Hotel an der Loue ist wohl dauerhaft geschlossen. Aber Quingey ist ein charmanter Ort mit vielen anderen tollen Einkehrmöglichkeiten.
Am Ende des Reifens… der Kräutertee
Kurz gesagt: Die Vernunft siegte über die Gier. Wir wollten keine weitere Panne riskieren. Unsere Gaumenfreuden waren gestrichen. Statt Forelle gab es einen improvisierten Kräutertee aus den umliegenden Feldern. Mit leerem Magen und wütend auf unser eigenes Übermaß an Selbstvertrauen krochen wir ins Bett.

Kurs auf Besançon

Am nächsten Morgen wurde die Route sofort geändert. Wir waren zwar auf der herrlichen Fahrradroute EV6 unterwegs, aber Sightseeing war uns völlig egal. Das Ziel war die Zivilisation auf direktem Weg: Kurs auf Besançon – aber kein schnuckeliges Café oder die Festung. Mission: Fahrradladen und Decathlon. Er war unser Rettungsanker für vernünftiges Zubehör.

Die Lektion in der Packtasche

Ein Platten kann dir den ganzen Tag und dein Zen ruinieren. Fahr niemals los ohne:
      • Stabile Reifenheber: Verstärkte Reifen sind für ungeübte Novizen ein absoluter Albtraum, wenn man sie von der Felge hebeln muss. Ohne ordentliches Werkzeug bewegt sich da kaum was.
    • Eine gute Pumpe: Teste sie unbedingt vor der Abfahrt an deinen eigenen Reifen!
Und vergiss nie einen essbaren Plan B in deinen Taschen. Ein paar Riegel, eine Salami (und ein Taschenmesser!) können den Abend retten, wenn das Restaurant unerreichbar bleibt. Eine Rettungsdecke im Gepäck schadet auch nie – sie hat uns auf einer anderen Tour schon mal gute Dienste geleistet.

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