
J0: Kurs auf Tende – Kopf aus, Wanderschuhe an
Reisen verändern sich, das Tempo auch. Kommen wir direkt zum Punkt: Meine erste Wandertour 2026 stand an. Zum dritten Mal in Folge ziehe ich in der zweiten Aprilwoche los. Diesmal habe ich mir eine eher stille Ecke ausgesucht, abseits der großen Touristenpfade: das Roya-Tal im Mercantour. Die Wahl war alles andere als zufällig. Hinter mir liegen Wochen voller Kommunalwahlkampf – intensiv, fordernd, manchmal echt zum Haare raufen. Jetzt sitze ich in der Opposition und muss das erst mal sacken lassen. Dazu kam eine hartnäckige Lungenentzündung, die mich mehr geschlaucht hat, als ich zugeben wollte. Jakobsweg mit zwanzig Leuten? Auf keinen Fall. Ich brauchte Stille. Einen Ort, an dem der Blick ruhen kann, ohne dass gleich jemand was von einem will. Das Roya-Tal ist selbst ein Ort im Wandel. Erst seit 1947 französisch und tief geprägt vom Sturm „Alex“. Im Oktober 2020 hat die Natur hier alles umgestaltet – Straßen weg, Brücken weg, Häuser einfach aus der Landschaft radiert. Man läuft hier nicht einfach nur durch, man läuft durch eine Geschichte von Zerstörung und Wiederaufbau. Unser Startpunkt: Tende, direkt an der italienischen Grenze. Schon die Anfahrt ist Entschleunigung pur. Auto in Saint-Laurent-du-Var stehen lassen, ab in den Zug nach Nizza und dann mit dem Train des Merveilles hoch in die Berge. Der Name flunkert nicht: Man hat das Gefühl, langsam in eine andere Welt zu gleiten. Der Abend in Tende ist fast andächtig still. Aber das Frühstück am nächsten Morgen! Tourte aux blettes (Mangold-Torte). Klingt schräg – Mangold und Rosinen unter feinem Teig – schmeckt aber göttlich. Der perfekte Raketentreibstoff für die erste Etappe.










J1: Tende nach La Brigue – Weniger ist mehr
Mit den Jahren werde ich immer leichter – leider nur beim Rucksack. Wir sind zu zweit unterwegs, jeder mit einem 50-Liter-Rucksack, in einem Tempo, das uns eher an eine Schnecke als an einen Leistungswanderer erinnert.
Ich bin fest davon überzeugt: Überflüssiger Ballast wiegt doppelt, im Kopf und auf den Schultern. Die totale Autonomie mit Zelt muss noch warten, wir gönnen uns Herbergen. Der Aufstieg zum Col de Loubaïra (997 m) ist sanft. Genau richtig, um den Kopf frei zu bekommen und den Landschaftswechsel zu genießen. Unsere Seelen bekommen ordentlich was zu gucken! In La Brigue werfen wir die Sachen ins Hotel und spazieren direkt weiter zur Kapelle Notre-Dame-des-Fontaines. Die Schilder versprechen eine gute Stunde – wir brauchen fast zwei. Warum? Weil wir uns weigern, zu hetzen. Der Weg ist gesäumt von Tafeln über Fauna, Flora und das frühere Leben – La Brigue war einst ein bedeutendes Weideland. Die Kapelle ist der Wahnsinn: im 12. Jahrhundert erbaut und mit Fresken aus dem 15. Jahrhundert geschmückt, die wie ein riesiger Comic die Bibel erzählen. Man muss einfach stehen bleiben und staunen. Nach 25.000 Schritten landen wir in der Auberge Saint-Martin. Die Beine sind schwer, der Geist ist zufrieden. Der Körper findet langsam wieder seinen Platz.











J2: La Brigue nach Saorge – Ein intensiver Tag
Puh… was für ein Tag… Sagen euch 38.781 Schritte etwas? Wir haben sie jedenfalls gespürt. Von La Brigue aus geht es direkt zur Sache: 500 Höhenmeter in zwei Stunden, ohne Warmlaufen. Der Körper macht mit, er hat ja keine Wahl. Auf dem GR52A läuft es dann eigentlich ganz flüssig. Wir finden unseren Rhythmus. Doch bei 1.400 Metern ändert sich das Spiel: Schnee. Erst nur ein paar Flecken, dann immer mehr. Je näher wir dem Gipfel (1.580 m) kommen, desto weniger lache ich. Riesige Schneezungen liegen mitten auf unserem Pfad. Dann passiert mir ein unbedachter Moment und ich rutsche weg. Nur ein paar Meter auf dem harten Firn, aber das reicht. In meinem Kopf macht es „Klick“. Höhenangst. Und zwar die fiese Sorte. Keine kleine Skepsis, sondern eine totale Blockade. Der Kopf rast, die Beine fühlen sich an wie Wackelpudding. Panik pur. Ich gehe keinen Millimeter weiter. Wir kehren um. Einen Kilometer zurück, System auf Alarmstufe Rot. Wir wählen eine Ausweichroute Richtung Fontan, 1.000 Meter tiefer. Der Abstieg ist brutal. Steil, fordernd, endlos. Die Schluchten sind zwar spektakulär – ein Wortspiel mit „Gorge“ (Schlucht) und „Gorgeous“ (wunderschön) wäre hier fällig – aber ich kann es kaum genießen. Nach 18 Uhr erreichen wir das Dorf. Eigentlich müssten wir noch 50 Minuten hoch nach Saorge. Ganz ehrlich? Keine Chance. Wir entscheiden uns fürs Trampen. Eine nette Dame rettet uns und setzt uns in diesem Schwalbennest-Dorf ab, das förmlich über der Roya klebt. Die Belohnung? Unsere Pension mit einer Aussicht, die jeden Schweißtropfen wert ist. Und das Essen: Hausgemachte Ravioli, Mangold-Brennnessel-Torte, Feigen-Digestif. Danach fallen wir einfach nur noch tot ins Bett.



















J3: Saorge nach Breil-sur-Roya – Subaru sei Dank
Lektion Nr. 1: Traue niemals blind den Tipps der Einheimischen. Nach einer tiefen Nacht suchen wir Proviant. Der Laden: zu. Die Bio-Ecke: macht erst mittags auf. Der Bäcker: ein im wahrsten Sinne des Wortes abstraktes Konzept – eine Metallstatue, die ich fotografiert habe, aber kein Brot weit und breit. Fazit: Es ist Montag. Wir „schnorren“ uns ein paar Trockenfrüchte bei unserer Gastgeberin und ziehen los. Wir wählen den „entspannten“ Weg im Tal. Panorama, hübsche Dörfer, lockerer Abstieg – so der Plan. Die Realität? Es geht sofort senkrecht hoch. Von wegen 400 Höhenmeter. Ich quäle mich, die Puste bleibt weg. Oben angekommen, suchen wir das versprochene Dorf. Stattdessen: Ruinen. Und es geht weiter hoch: 1.200, 1.300 Meter… irgendwann hörst du auf zu zählen. Der Abstieg nach Breil-sur-Roya ist endlich in Sicht. Ein junger Waldarbeiter – ohne Schutzkleidung, aber mit Kippe im Mund – weist uns einen Pfad. Wir finden Markierungen, eine alte Hütte im Umbau, und dann: Nichts. Ende Gelände. Nur noch Gestrüpp. Wir müssen zurück und wieder 150 Höhenmeter hochwuchten. Schließlich nehmen wir die breite Piste. Sicherer, aber endlos. Es ist 17 Uhr, wir sind stehend k.o. Wir rufen das Hotel an, Google Maps schickt uns in die Wüste, wir blicken nicht mehr durch. Die Hotelbesitzerin versteht die Lage, schnappt sich ihren Subaru und sammelt uns ein. Ihre Hilfe macht uns sprachlos. Die Fahrt ins Tal dauert 30 Minuten – zu Fuß hätten wir das im Dunkeln niemals geschafft. Sie erklärt uns: Seit dem Sturm Alex hat die Wegepflege keine Priorität mehr. Wir sind nicht die Ersten, die hier stranden. Morgen nach Sospel gibt’s die Spar-Version: Einfache Wege, keine Experimente mehr!











J4: Breil-sur-Roya nach Sospel – Der Lottogewinn im Pelz
Nach einer Nacht in Breil und einer deftigen Käse-Pizza schauen wir uns unsere Möglichkeiten für den Weg nach Sospel an: Option A: Bis Mittag faulenzen und den Bus nach Piène Basse nehmen (immerhin noch 400 Hm zu Fuß). Option B: Die ganz faule Variante mit dem Train des Merveilles direkt nach Sospel. Option C: Über den GR52A und den Col de Bruisse (750 Hm). Option D: Der GR510 mit ca. 400 Hm und 18 km Strecke. Wir entscheiden uns für Option D. Gleich am Start: Spektakulär! In der Bäckerei gibt’s Sandwiches für 3,90 € – das Schnäppchen der Tour (nachdem wir schon mal 12,50 € gezahlt haben!). Man lernt, die kleinen Dinge zu schätzen. Wir quatschen mit Gendarmen beim Kaffee, während über uns ein Hubschrauber Baumaterial an die Felswände fliegt. Millimeterarbeit. Für die Leute hier ist das seit dem Sturm Alltag, für uns eine Show. Dann kommt der Moment, den ich nie vergessen werde. Wir flunkern nicht! Es ist 10 Uhr morgens. Ein riesiges Wildschwein donnert aus dem Gebüsch. Es ignoriert uns völlig und rennt um sein Leben. Wir warten kurz, falls die Familie folgt. Und dann passiert es: Der Wolf. Der echte, sagenumwobene Loup du Mercantour. Er springt in eine andere Richtung als seine Beute. Dieses graue Fell, dieser lautlose Lauf – es ist wie ein Lottogewinn. Eine magische, flüchtige Begegnung. Er hat natürlich nicht für ein Selfie mit uns posiert, ihr müsst uns also einfach glauben. Aber dieser Moment hat uns den ganzen Tag beflügelt. Die Landschaft wird mediterran: Olivenbäume, Rosmarin, Thymian. Fast wie bei mir an der Côte Bleue. Wir kühlen unsere Füße in der Bévéra, spazieren an Patous (Schäferhunden) vorbei, die zum Glück tiefenentspannt auf dem Weg liegen, und erreichen Sospel. Wir sind stolz wie Bolle. Wir haben es durchgezogen. Tende nach Sospel. Die Roya ist für uns keine Statistik mehr, sondern eine Sammlung aus Schweiß, Angst, Ravioli und diesem einen grauen Wolfsrücken. Morgen geht’s mit dem Zug zurück. Die letzte Etappe nach Menton? Mal sehen, ob mich heute Nacht noch der Wahnsinn packt! In diesem Sinne: Houhou houhou… houhou. Houuuuuuuu.














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