A guete! 🥨 Genussreise durch das Elsass

Das Elsass – ich habe dort gelebt und kehre regelmäßig zurück. Nicht als eilige Touristin, sondern als Mama und Oma.

Ein Mensch ist die Summe der Orte, an denen er gelebt hat. Auch wenn das Elsass eine ganz eigene Identität jenseits des rein „Germanischen“ pflegt, habe ich mich dort mit meinen zwei Kulturen sofort zu Hause gefühlt.

Meine Elsässer Jahre stecken in meiner DNA, in meinem Wortschatz – und nach einem Wochenende dort auch meistens auf meinen Hüften. Aber pssst: In meinem Haus an der Côte Bleue habe ich mir meine eigene kleine Winstub eingerichtet, in der das ganze Jahr Weihnachten gefeiert wird!

Aber reden wir über Gaumenfreuden, Küche und Weine des Elsass.

Flammekueche – Ein Hauch von Nichts mit viel Geschmack

Einfach? Von wegen! Der Teig muss so dünn sein, dass man fast die Zeitung durch lesen kann.
Crème fraîche, Quark, Zwiebeln (48 Stunden in Salzlake!), Speck und ein Ofen, der fast schmilzt (300 Grad+). Wer es wild mag, nimmt Münsterkäse – aber danach ist die Bude für drei Tage geruchstechnisch Sperrzone.
Nach zahlreichen Versuchen beherrschen wir die Kunst mittlerweile ganz gut – in unserem selbst gebauten Backsteinofen. Das ist alles. Und so unglaublich gut. Wer noch mehr möchte: fein gehobelte Champignons, geriebener Käse oder… Münster. Empfindliche Nasen bitte fernbleiben! Und wenn man keine Lust hat, den Teig selbst auszurollen, greift man auf fertige Flammekueche-Böden zurück. Nicht meine Lieblinge, aber akzeptabel. Im Elsass hat jeder seine Lieblings-Winstub für knusprige, glühend heiße Tartes flambées – am besten aus dem Holzfeuer. Die Flammekueche bestellt man en série. Und vor allem teilt man sie. Ich gebe zu: Die besten Flammekueches habe ich außerhalb von Straßburg gegessen. Zum Beispiel in Handschuheim (wörtlich: „Wohnsitz des Handschuhs“). Eine echte Winstub ist gemütlich, mit dunklem Holz, Kelch-Tischdecken (dem elsässischen Karostoff), Bier- und Rauchgeruch. À guete!

Das Sauerkraut-Drama und der rosa Fiat

In Deutschland ist Sauerkraut oft nur die brave Beilage. In Frankreich ist es die Choucroute Royale – ein majestätischer Berg aus Kohl und Fleisch. Und die Krönung? Sauerkraut mit Fisch. Eine Offenbarung aus Säure und zartem Fischfett. Früher habe ich mein Kraut im Super Cafoutch in Marseille geholt – die haben dort das echte Zeug aus Krautergersheim (der Welthauptstadt des Sauerkrauts!). Aber mein treuer barbie-pinker Fiat 500 wurde mir zum Verhängnis: 1 km/h zu viel, 90 Euro Strafe. Das teuerste Sauerkraut meines Lebens! Seitdem stampfe ich selbst. Mein Gärtopf ist mein bester Freund geworden. Seite Inhalt: Haddock (vorher in Milch entsalzen), Lachs (oder Forelle), Zander. Die Säure des Sauerkrauts schneidet mit chirurgischer Präzision durch das Fett des Räucherfischs. Klar, präzise – eine Allianz, mit der Wurstwaren nicht mithalten können.
Auf der Behälter-Seite habe ich gleich in einen großen Fermentationstopf investiert. Und nicht die Gewichtssteine vergessen! Du willst nicht kochen? Dann entdecke die Wiege des Fisch-Sauerkrauts! Reserviere einen Tisch in der prachtvollen Maison Kammerzell, erbaut 1427, eine wahre Institution auf dem Münsterplatz in Straßburg.

Die Route des Vins: 170 Kilometer flüssiges Gold

Die Elsässer Weinstraße ist für Radfahrer Segen und Fluch zugleich. 170 Kilometer von Marlenheim bis Thann. Die Landschaft? Wie aus dem Disney-Film. Die Dörfer – Riquewihr, Eguisheim, Ribeauvillé – klingen für meine französischen Freunde wie WLAN-Passwörter mit zu vielen Konsonanten. Für uns Deutsche klingen sie nach Fachwerk-Idylle und der ständigen Gefahr, an jedem zweiten Weingut für eine Degustation hängenzubleiben. Was könnte besser sein, als direkt beim Erzeuger zu verkosten? Die Leidenschaftlichen holen manchmal wahre Schätze aus dem Keller. Man hört zu. Man kostet. Man sagt sich, man sollte ausspucken. Und fährt ein bisschen langsamer nach Hause.

Die glorreichen Sieben (und ein kleiner Rebell)

Im Elsass dreht sich alles um die Rebsorten. Es sind sieben an der Zahl: Riesling: Der König. Vergiss den leichten Mosel-Riesling mit 11 % Alkohol. Der Elsässer ist stolz, trocken und mineralisch. Wenn er ein bisschen nach „Petrol“ riecht, bin ich im Himmel. Und er altert außergewöhnlich – was die meisten nicht wissen. Es gibt nicht weniger als 51 Grands Crus. Gewürztraminer: Eine Diva. Litschi, Rosen, Exotik. Er ist wie ein Parfüm im Glas. Entweder man liebt ihn oder man schüttelt sich. Nicht mein Favorit zur Fisch-Choucroute – eher zu einer Mirabellentarte oder Foie Gras. Pinot Gris: Der Komplexe. Früher hieß er „Tokay“, aber das darf man nicht mehr sagen. Er ist rauchig, tief und macht den Rücken breit. Diskret. Er verdient echte Aufmerksamkeit. Muscat d’Alsace: Achtung, Falle! Er duftet süß wie eine Weintraube, ist aber staubtrocken. Perfekt als Aperitif. Pinot Blanc: Der Unkomplizierte für jeden Tag. Sylvaner: Frisch, leicht, perfekt zum Spargel aus Hoerdt. Pinot Noir: Der einzige Rote. Früher eher ein „roséfarbenes Wässerchen“, wird er heute durch den Klimawandel immer kräftiger. Oder vielleicht ein Crémant vom Weingut Muré – den manche mit Champagner verwechseln? Und dann gibt es noch den Klevener de Heiligenstein. Ein kleiner Rebell, den es nur in einem winzigen Gebiet gibt. Verwandt mit dem Traminer, aber viel dezenter. Ein echter Geheimtipp für Leute, die schon alles kennen. 7 offizielle Rebsorten und so viele Stile. Du wirst deinen Favoriten finden.

Beine, Räder, Rhein

Das Elsass zu Rad und zu Fuß genießen Das Elsass ist das Eldorado für Radler. Hunderte Kilometer gut beschildert, oft abseits der Straße. Weinberge, Rheinwälder, Fachwerkhäuser. Der EuroVelo 15 folgt dem Rhein über mehr als 1.200 Kilometer – von der Schweizer Quelle bis Rotterdam. Im Elsass ist dieser Abschnitt flach und flüssig. Man radelt zwischen zwei Ufern, zwei Kulturen, zwei Sprachen. Ich liebte den Abschnitt entlang des Rheinseitenkanals zwischen Straßburg und Colmar. Etwa 60 km Piste am Stück. Oder die Piste entlang des Bruche-Kanals zwischen Molsheim und Straßburg mit dem Ravito du Cyclo. Ein rauer, aber unglaublich charmanter Ort – so typisch für das genussvolle Elsass. Mit ein paar Tritten ist man in Deutschland. Kehl auf der anderen Seite der Brücke. Morgens den Rhein überqueren, mittags Käsespätzle in einem Gasthaus im Badischen, abends zurück in die Winstub. Mein Highlight: Die Tour hoch nach Durbach zum Schloss. Der Blick über das Rheintal ist der Wahnsinn. Dort gibt es den Durbacher Plauelrain Riesling-Sekt – spritzig, frisch, einfach herrlich. Leider exportieren die kaum etwas. Man muss also hinfahren und es vor Ort „vernichten“. Ein bisschen weiter südlich: Freiburg im Breisgau, 30 Minuten von Straßburg. Und gegenüber der besondere Kaiserstuhl, bekannt für außergewöhnliche Rotweine. Im Norden: Baden-Baden, elegant, ehemals französische Garnisonsstadt, bekannt für seine Thermen. Zwei Länder. Ein Tag. Keine sichtbare Grenze. Das genussvolle Elsass gibt sich nicht dem hin, der es hastig durchquert. Es belohnt die Langsamen – die auf den Märkten bummeln, die Kellertüren aufstoßen, die lang und ausgiebig essen und ohne festes Ziel radeln. Das ist Slow Travel im Elsass.
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