Mein Entdeckergeist brodelt wie ein Hexenkessel. Schon lange spukt mir die Idee im Kopf herum, einen Teil des Jakobswegs zu gehen. In Wahrheit ist das ja kein einzelner Weg, sondern ein Kaleidoskop aus Pfaden. Die Via Podensis ab Le Puy-en-Velay mit dem Zwischenstopp in Conques hat es mir besonders angetan. Aber das hebe ich mir für eine Reise zu zweit auf, Hand in Hand mit meinem Romeo… oder eher meinem Robert.
Dieses Mal habe ich mich für die Régordane entschieden, den GR 700 bis nach Saint-Gilles. Etwa 240 Kilometer, also 10 bis 12 Tage Solo-Wandern, wobei ich mindestens die Hälfte der Nächte biwakieren möchte. Eine Herausforderung, um meine Grenzen zu testen und sie elegant zu überschreiten… oder mir den Hintern abzufrieren, denn in Le Puy ist es klirrend kalt.
Die ersten Etappen sind bereits gebucht: Pilgerherbergen und Gästezimmer für ein bisschen Komfort, damit sich mein Körper an den Rhythmus gewöhnen kann. Neben der spirituellen und mentalen Ebene ist mein Weg eng mit einer Romanfigur verknüpft, die mir sehr am Herzen liegt. Kein Wunder… ich bin die Autorin und will sie authentisch wirken lassen. Um meine Erzählung zu füttern, muss ich also fast wortwörtlich in ihre Fußstapfen treten – auch wenn sie im Buch von Arles nach Le Puy wandert.
Im letzten, von Reisenden überfüllten TER sorgen die Jakobsmuscheln an den Rucksäcken sofort für eine brüderliche Atmosphäre. „Gehen Sie den Weg?“, fragt ein Nachbar. Als Pilger-Neuling gegenüber zwei abgebrühten Wanderern, die seit zwanzig Jahren auf diesen Pfaden unterwegs sind, hänge ich an ihren Lippen. Ihr erster Rat: „Kauf dir eine Regenhose, du Neue!“. Wenn man manchen glaubt, erwartet mich auf einer Etappe sogar Schnee… ich verzichte trotzdem auf den Kauf eines Schlittens. Wir werden sehen.
Da bin ich also in Le Puy, nur einen Steinwurf von der mythischen Kathedrale mit der schwarzen Madonna und ihren endlosen Stufen entfernt. Die Stadt pulsiert im Rhythmus der Pilger. Die gleiche fröhliche Stimmung herrscht beim Aperitif des örtlichen Vereins. Dort entdecke ich die regionale Spezialität (neben der berühmten grünen Linse, die abends auf dem Menü steht): Verveine-Sirup. Und dann ein kleiner Herzensmoment: Meine Herberge wird von zwei Nonnen geführt… in Jeans! Der Klerus modernisiert sich, und das ist auch gut so.
Und für alle, die noch an den bösen Wolf glauben, der einsamen Wanderinnen auflauert: Vergesst es! Die meisten Frauen, die ich heute Abend treffe, sind allein unterwegs, zwei davon sogar bis nach Santiago.
Bon Camino an alle Pilger und an euch, die ihr mich lest, auf welchem Weg auch immer ihr gerade seid!
Tag 1: Start in Le Puy und die Höhenmeter
Frühes Aufstehen, ein klein wenig ungeduldig, für die Pilgermesse. Die Rucksäcke, in einer bunten Reihe aufgestellt, warten auf den Segen wie Paladine vor einem Turnier. Jeder zieht ein Gebetsanliegen eines anderen Pilgers – ein Geheimnis auf einem kleinen Zettel. Meines versetzt mir einen kleinen Stich ins Herz.
Ein feierlicher Moment: Die Gitter der Kathedrale werden aufgestoßen, und wir steigen die zentrale Treppe mit ihren 135 Stufen hinab, jeder beseelt von seinen eigenen Zielen.
Allein auf der Régordane, dem GR 700, biege ich Richtung Saint-Gilles ab, während meine Mitstreiter sich auf den Jakobsweg stürzen.
Adieu, Le Puy-en-Velay! Der Aufstieg greift hinterhältig an, eine Kampfansage an die noch schlafenden Waden. Vierhundert, fünfhundert Höhenmeter – eine sanfte Tortur, die durch die sich entfaltende Landschaft belohnt wird. Der Weg spielt auf zwei Klaviaturen: idyllische Abschnitte und steile Anstiege, bei denen mein Pilgerwagen (Chariot) ein Klagelied anstimmt, besonders auf den felsigen Passagen. Die Brioche mit rosa Pralinen schmilzt langsam in meinem Magen (und vielleicht bald auf meinen Hüften) – der perfekte Treibstoff für die rot-weißen Markierungen, die mich leiten. Wer die 1522 km bis Santiago geht, verliert im Schnitt 6 bis 10 kg. Wenn das mal keine Motivation ist!
Nur Landwirte bevölkern meinen Horizont, geschäftig auf ihren Feldern. Man bestätigt mir, dass vor zwei Tagen noch Schnee gefallen ist. Glück gehabt!
Wie eine Fata Morgana taucht am Wegrand ein elsässisches Gasthaus auf – ein kulinarisches Ufo inmitten der Äcker. Keine Zeit für einen Flammkuchen (und es ist eh viel zu früh), die Straße ruft. In meinem Rhythmus, meinem langsamen und friedlichen Rhythmus.
Sandwich-Pause im Weiler Concis – ein Name, der Programm ist (kurz und bündig). In Costaros gabelt mich meine Gastgeberin auf, um mich in einem anderen Weiler mit Blick auf den Mont Gerbier de Jonc abzusetzen. Die reine Luft putzt die Lungen durch, und in meinem Zimmer knistert bereits ein Feuer. Luxus pur nach 22 Kilometern Fußmarsch!
Morgen geht es Richtung Langogne – die Fortsetzung des Abenteuers mit Überraschungen, Begegnungen und grünen Panoramen.
Tag 2: Eine Geschichte von Füßen und Linsen
Heute standen 30 Kilometer auf der Régordane an – 44.765 Schritte laut WeWard – zwischen Costaros und einem Weiler hinter Langogne. Ich dachte, die Nok-Creme, das Magnesium und die doppelten Wandersocken würden reichen… Und dass ich eine Super-Pilgerin ohne Fußschmerzen oder Blasen sein würde. Von wegen! Meine Beine sind schwer und meine Füße fühlen sich an wie Ambosse, die Notsignale senden. Aber die Schönheit der Landschaft hat die Müdigkeit fast wettgemacht. Na gut, fast – eine Paracetamol ist heute Abend trotzdem nötig. Wahrscheinlich auch wegen des ersten Sonnenstichs. Ich bin krebsrot. Versteh das einer: Gestern Morgen trug ich noch eine Mütze…
Besonders beeindruckend war die Durchquerung von Pradelles, ein Juwel, das zu den schönsten Dörfern Frankreichs zählt. Steinhäuser, Brunnen – ein heute sehr geschätzter Aspekt – mit Trinkwasser (!). Dann ein eeeeeendloser Abstieg nach Langogne.
Morgen geht das Abenteuer weiter mit einer noch anstrengenderen Etappe, die meine Grenzen austesten wird. Aber Aufgeben kommt nicht infrage… äh, die Füße hängen lassen auch nicht… ihr versteht meinen zweifelhaften Humor.
Die wilde Schönheit der Régordane und die Genugtuung, diese Herausforderung zu meistern, motivieren mich.
Allerdings freue ich mich darauf, mal etwas anderes als Linsen aus Le Puy zu essen. Ich bin heute Abend bei der dritten Variante angelangt. Linsen mit Schinken an Tag 0, Linsensuppe an Tag 1, Linsen mit Wurst heute Abend… Dafür gab es heute zum ersten Mal einen sehr sympathischen kleinen Merlot. Und das… das ist wahre Lebensqualität!
Tag 3: Loslassen (Lâcher-prise)
Tag 3 kündigte sich kompliziert an, erwies sich aber letztlich als einfacher als gedacht. Nur 22 km. Nicht, dass ich plötzlich die Geschwindigkeit von Hermes oder die List des gestiefelten Katers erworben hätte, weit gefehlt!
In Wahrheit ist die erste Etappe bis Luc endlos, obwohl es nur 14 km sind. Gefüllt mit kleinen Pausen: Durst, Anstieg, Wellness-Session für meine Füße, Pause, um die schwarze Jacke auszuziehen. Dann die fuchsiafarbene. Dann eine Schicht Sonnencreme, eine kleine Öko-Wäsche im Bach, Riegel-Pause, Wasser-Pause, Sandwich-Pause, zweite Schicht Sonnencreme, Flasche wieder auffüllen.
Ich höre zu, ich sauge auf, ich genieße. Mir Zeit nehmen, um zu sehen, wie sich die Natur verändert. Eine blühende Heidelbeerpflanze beobachten. Der Liebesserenade eines Eulenpaars lauschen. Der Schrei des Eichelhähers – der ist weniger sympathisch. Plötzlich spüren, wie Wild im Gebüsch lauert.
Mich an den kleinen Blumen erfreuen – den weißen, gelben, violetten. Ein Radfahrer-Paar grüßen, einen Fischer mit seinem Sohn.
Nein, ich mache nicht den Stevenson, sage ich, sondern die Régordane…
Ja, ihr habt richtig gelesen. Robert Louis Stevenson, der Autor der Schatzinsel und von Jekyll & Hyde. Ihm ist ein ganzer Wanderweg gewidmet, der GR 70. Soll außergewöhnlich sein. Start in Le Puy und Ziel in La Bastide-Puylaurent, wo ich mich heute Abend befinde. 272 km Zickzack um die Régordane herum, über Pässe und Panoramen, die Stevenson mit seiner Eselin Modestine durchwanderte.
In Laveyrune angekommen, bewundere ich lieber die wilden Narzissen und gehe im Allier baden. Erfrischender als ein Diabolo Menthe oder ein Weißbier. Vor allem für die Füße. Der Effekt ist subversiv.
Erstens: Ich storniere das Hotel in St-Laurent-les-Bains – abseits des GR 700 – was mir locker 2,5 Stunden zusätzliche Wanderzeit beschert hätte. Eine gute Entscheidung, denn der Hotelier findet meine Reservierung ohnehin nicht.
Zweitens: Eine kleine Anpassung meiner Pilgerreise – ich nehme einen anderen Wanderweg, um mein heutiges Etappenziel, La Bastide-Puylaurent, zu erreichen. Kürzer, 100 m statt 300 m Höhenunterschied und vor allem besser begehbar.
Die Kehrseite der Medaille: Schlafen im Zelt, das ich vor Sonnenuntergang aufbauen musste. Dazu die Isomatte aufpumpen. Das Kissen aufblasen wie einen Ballon. Dann Kochen auf dem Gaskocher. Eine Kastaniensuppe mit Instantnudeln. Zu Ehren der Ardèche, die ich heute Abend erreicht habe. Ich habe einen ganzen Fußballplatz für mich allein. Ein bisschen unheimlich, so mitten im Wald mit Geräuschen im Unterholz. Die Kälte kommt. Wird der Schlafsack warm genug sein? Ich hoffe es.
Bis morgen, falls ich nicht eingefroren oder von Wildschweinen gefressen wurde.
Tag 4: Die wilde Régordane
Tag 4 war die kürzeste Distanz, aber die physisch härteste. Ich musste meinen Pilgerwagen über Wege wuchten, die eigentlich unpassierbar waren, was mich völlig erschöpft hat. Ich hatte Durst, Hitze und war nicht in Bestform. Am Ende habe ich mir sogar einen Waschlappen unter die Kappe geklemmt!
Aber fangen wir am Anfang an, bei der Nacht…. Der Reißverschluss des Schlafsacks war auf einer Seite kaputt, also war mir kalt. Im Zelt hatte sich Kondenswasser gebildet.
Keine sehr erholsame Nacht.
Frühstück auf dem gefrorenen Fußballplatz… dann, nachdem ich alles langwierig wieder eingepackt hatte, ging es los.
Und prompt habe ich meine Tasche mit all meinen Sachen unter einem Baum vergessen! Zum Glück merkte ich es nach 2 km und konnte sie wiederholen.
Dann Duschen im Bach… unterhalb des Weges. Es kam, wie es kommen musste: Genau in dem Moment kam ein Jogger vorbei.
Ab dem Col de Thort auf 1119 Metern Höhe wird die Landschaft grandios. Die Natur wird trockener: Felsbrocken, Ginster und Pinien. Der Mont Lozère zeigt sich in der Ferne. Die wilde Schönheit hat ihren Preis: Die Régordane entpuppt sich als echter Hindernisparcours. Steile Anstiege, abrupte Abstiege, felsige Passagen… Ich kämpfe mich so gut es geht voran. Stellenweise kann man noch die Spuren der römischen Streitwagen erahnen.
Mehrere Bäche wurden mit meinem gesamten Gepäck durchquert. Eine halbe Stunde vor La Garde-Guérin gebe ich auf. Eine Herberge bietet unschlagbare Übernachtungspreise an. Juchu, ich schlafe im Warmen. Hoffentlich schaffe ich morgen mehr.
Tag 5: Kastanien und Cevennen-Pracht
Kein Tag ist wie der andere.
Nach einer erholsamen Nacht nehme ich mit leichtem Herzen und voller Energie die Straße wieder auf. Eine halbe Stunde Fußmarsch reicht aus, um La Garde-Guérin zu erreichen, ein charmantes mittelalterliches Festungsdorf, das über den Schluchten des Chassezac thront. Ein atemberaubendes Panorama bietet sich mir.
Nachdem mich die Régordane in Sachen Steinen, Bächen und anderen „Freuden“ abgehärtet hat, nehme ich nur das Teilstück von La Garde-Guérin Richtung Villefort. Der Abstieg ist angenehm, gesäumt von römischem Kopfsteinpflaster, mit einem unschlagbaren Blick auf den See von Villefort. Vor dem Ortseingang bietet der Staudamm eine schwindelerregende Perspektive auf die Schluchten.
Den Tipps der Tourist-Information Villefort folgend, steige ich über die Landstraße nach Vielvic ab, wobei mir doch ein kleiner Anstieg vorausging. Dieses charmante Dorf verzaubert mich sofort. Ideal für die Mittagspause. Ein riesiges Plus für die Kastanientorte (Tarte à la châtaigne). Nicht zu süß und unglaublich lecker. Wir sind hier im Mutterland der Kastanie. Überall treiben die Kastanienbäume aus.
Einen kurzen Moment macht mir die Régordane schöne Augen. Ich zögere. Nach 200 m, grrrrrr… Ich verlasse den GR 700 für die kaum befahrene Landstraße… Ein charmanter Opa, den ich treffe, erzählt mir, dass ich mich auf dem echten historischen Weg der Régordane befinde, während der GR 700 über eine Ersatzroute führt. Wenig später teilt ein gesprächiger Radfahrer seine Begeisterung für die Cevennen-Landschaft mit mir. Er ist heute Morgen in Le Puy gestartet und will seine Frau am Pont du Gard treffen. Wir spielen definitiv nicht in derselben Liga.
Meine Füße führen mich munter nach Concoule, dann nach Genolhac. Mein Körper gewöhnt sich allmählich an den Rhythmus, und ich spule die Kilometer mit überraschender Leichtigkeit ab. Fast 30 km heute, und ich könnte locker noch weiterlaufen!
Kein Camping heute Abend – uff! – ich konnte das letzte verfügbare Zimmer im Hotel Le Chalet gegenüber dem Bahnhof ergattern. Laut Google-Rezensionen ist die Küche dort kreolisch. Das verspricht ein Abend voller Entdeckungen zu werden.
Tag 6: Das Geschenk von Laval
Ich bin auf halbem Weg nach Saint-Gilles. Schon sechs Tage wandere ich. Ein Meilenstein, sowohl symbolisch als auch physisch, der dieser Etappe eine besondere Note verleiht. Die Motivation lässt trotz Blasen und rissigen Lippen nicht nach. Die Steigungen werden sanfter, und eine tiefe Gelassenheit überkommt mich.
Haken wir das pseudo-kreolische Essen vom Vorabend als anekdotische Erinnerung ab. Génolhac wird mir wegen der zwei aggressiven schwarzen Hunde, die mich am Ortsausgang umzingelten, als überwundenes Hindernis im Gedächtnis bleiben.
Die Régordane, die ich eigentlich komplett gehen wollte, bleibt kompliziert. Schon wieder Steine, ein Pfad, der so gar nichts von einer Römerstraße hat. Ich weiche auf die Landstraße aus.
Am Eingang von Chamborigaud ein unerwartetes Hindernis: Die Brücke erlag im Oktober 2021 der Wut eines Jahrhunderthochwassers. Umweg über Pont-de-Rastel – die Gelegenheit, eine alte Brücke und einen beeindruckenden Bambuswald zu entdecken.
Das Dorf, durch das Verschwinden der Brücke von der touristischen Welt abgeschnitten, trägt die Narben der Isolation. Die Gesichter der Bewohner sind gezeichnet von einer Müdigkeit, die das Krisentreffen mit dem Abgeordneten am Vorabend wohl nicht vertreiben konnte.
Nächste Etappe: Portes, wo eine Burg den Pass dominiert. Die Régordane, auf die ich mit Erleichterung zurückkehre, befreit mich vom unaufhörlichen Ballett der LKWs auf der Landstraße.
Der Wald öffnet sich, und ich protestiere innerlich. Der Weg, von einer Planierraupe zerfurcht, trägt die Narben eines Forstarbeitseinsatzes. Arbeiter fällen Bäume, als würden sie Blumen pflücken.
Schilder aus Salzteig, die an den Bäumen hängen, erregen meine Aufmerksamkeit. Kinderfragen richten sich an die Passanten: „Was ist ein Geschenk?„, „Was macht glücklich?„, „Kann man alleine leben?„, „Was ist ein Freund?„. Fundamentale Fragen, die mich die Unebenheiten des Geländes vergessen lassen.
Diese Worte, die hinter den Kurven auftauchen, zusammen mit anderen Kinderkunstwerken – Vögel, Marienkäfer, Schnecken und Kieselsteine mit Vornamen – berühren mich mitten ins Herz. Eine einfache und kraftvolle Botschaft, die mich daran erinnert, dass das Glück oft in den kleinen Dingen wohnt.
In Laval-Pradel suche ich einen sicheren Platz für mein Zelt. Ein Gespräch mit der Wirtin eines Restaurants wird von einer jungen Frau belauscht, die zur gleichen Zeit ankam. Wenige Minuten später reicht mir die Wirtin das Telefon. Es ist die junge Frau, S., die im Restaurant arbeitet und bereits nach Hause gefahren ist. Sie bietet mir spontan an, mein Zelt in ihrem Garten aufzustellen. Aber das Schicksal hat noch Besseres vor: S. lädt mich ein, im Erdgeschoss ihres Hauses zu übernachten!
Heute Abend bin ich gerührt von der Großzügigkeit dieser Unbekannten, von ihrer spontanen Geste, die diesen Tag zum Leuchten gebracht hat. Und ich bin verzaubert von der Magie des Waldpfades, von diesen Kinderfragen, die Samen der Weisheit auf meinen Weg gestreut haben.
Die wahren Geschenke lassen sich nicht in Geld messen.
Tag 7: Letzter Tag in den Cevennen
Dank meiner Gastgeberin mit dem großen Herzen war die Nacht erholsam. Hätte ich bei diesem Wind biwakieren müssen, wäre ich für diesen siebten Wandertag weniger fit gewesen. Das Wetter ist bedrohlich, aber die paar Regentropfen bleiben zum Glück eine Randnotiz.
Am Morgen verabschiede ich mich vom letzten Teil dieses wilden Massivs, nicht ohne einen Stopp in der örtlichen Bäckerei. Ohne Komplexe wähle ich ein Schokobrötchen mit Nutella und gerösteten Haselnüssen. Ich habe den ganzen Tag Zeit, es wieder abzuarbeiten.
Nach Pradel-Laval beginnt ein kurzer Aufstieg, das Vorspiel für einen Abstieg bis auf 200 Meter. Wir sind weit entfernt von den 1200 Metern des Anfangs. Die Landschaft, gezeichnet von den Narben einer vergangenen Bergbauära, gleicht einem riesigen Schweizer Käse, durchsetzt mit künstlichen Seen mit schwarzem Wasser. Auf diesem einsamen Weg unterbrechen nur die Schritte eines achtzigjährigen Ehepaars in flottem Tempo die Stille.
Auf dem Weg nach Mas Dieu, ihrem hochgelegenen Weiler, erzählen sie mir Geschichten voller Kontraste. Eine dunkle und schaurige handelt vom tragischen Schicksal eines Gerichtsvollziehers, der 1934 dem Zorn eines verschuldeten Tischlers zum Opfer fiel und das Dorf nie wieder verließ. Die andere, lichtvolle, ist die eines Dorfbewohners, der in Amerika sein Glück machte und aus Liebe zu seiner Heimat 1928 den „Mütter-Brunnen“ errichten ließ, um den Frauen des Dorfes den kostbaren Zugang zum Wasser zu ermöglichen.
Müde von den ständigen Steinen der Régordane, entscheide ich mich für die kleine Landstraße Richtung Saint-Martin-de-Valvagues. Die Natur nimmt südliche Züge an: Olivenbäume, wilder Spargel und Eiben mehren sich. Alès, die Hauptstadt der Cevennen, zeichnet sich am Horizont ab, und die Landschaft bekommt leider eine wenig einladende urbane Skyline. Ich begegne ein paar „Kékés“ bei einem Auto-Rodeo. Selbst das Stadtzentrum mit seiner Kathedrale und den prächtigen Malereien kann meine Begeisterung nicht wecken. Fotos mache ich aus Pietät nicht… wegen einer Trauerfeier. Aber ich bekomme den kostbaren Stempel für mein Credencial.
Der eigentliche Weg der Régordane endet hier, aber sein Geist wird die kommenden Etappen nach Saint-Gilles weiter prägen. Heute Abend finde ich Zuflucht in den Höhen von Alès. Meine Füße, vom Asphalt geschunden, sehnen sich nach Ruhe. Immerhin 257.000 Schritte in einer Woche, das ist nicht nichts! Vorfreude und Ungeduld packen mich: Ich sehe die Ziellinie vor mir, will meine Füße in meine rosa gefütterten Birkenstocks stecken und ein Kleid anziehen… spätestens am Sonntag.
Morgen geht es über Vézénobres, wo ich hoffe, das Haus der Feige und seinen Sortengarten mit über hundert Varietäten besuchen zu können.
Tag 8: Feige Geschichte
28 Kilometer Wanderung in den Beinen zwischen Alès und Moussac, eine seltsame Begegnung mit Mikro-Wespen und ein charmantes mittelalterliches Dorf: Das ist die Zusammenfassung meines Tages auf der Régordane.
Aber der Weg hat mich nicht mit offenen Armen empfangen.
Kaum hatte ich die Régordane wiedergefunden, gab es die erste Enttäuschung. Ein Durchgang war wegen Bauarbeiten unpassierbar. Es waren nur fünf Meter, aber keiner der Arbeiter ließ sich erweichen. „Nehmen Sie die Umleitung!“, „Ach, Sie gehen den Weg, das gehört dazu.“ Die Umleitung war ein Witz. Ich traf die Arbeiter erneut. Was ich dachte, behielt ich für mich. Mein Mittelfinger juckte verdächtig. Und umkehren? Unmöglich. SOS Google. Laut dem großen Manitou gab es einen Weg. Laut mir: nada. Nur ein Dschungel aus hüfthohem Gras für 2 km. Erkennt ihr den Pfad auf dem Foto?
In Vézénobres habe ich den Weg schließlich wiedergefunden…
Nach mehr als einer Woche Einsamkeit – abgesehen von den Gesprächen mit zufälligen Begegnungen und meinem Mann morgens und abends – spreche ich mit mir selbst, meinen Füßen, meinem Rücken, einer Blume oder einem Baum. Und der Myriade von Hunden und Katzen, die ich treffe. Ich kann Tom Hanks in „Cast Away“ jetzt verstehen. Irgendwann muss man seine Gedanken laut aussprechen und sich austauschen.
Um also die Frage aus dem Zauberwald von vorgestern zu beantworten: „Kann man alleine leben?“. Ich wahrscheinlich nicht.
In Vézénobres, einem sehr hübschen mittelalterlichen Dorf, Besuch im Haus der Feige. Ein pädagogischer Rundgang inklusive Entdeckung der charmanten Blastophagen. Das sind Mikro-Wespen von 1 bis 2 mm, die in die Feigenblüten schlüpfen und sie bestäuben. Nur die Blastophagen haben diese Kraft. Ich mache es kurz: Angeblich verschluckt man sie nicht, wenn man in eine reife Frucht beißt.
Jedenfalls haben ein Glas Marmelade und ein Feigen-Aperitifwein den Weg in meine Ersatztasche gefunden, die bald platzt…
Eine Quiche mit Salat und eine Kastanien-Honig-Torte später mache ich mich wieder auf den Weg. Vorbei am Sortengarten mit 100 Arten. Von mehr als 1.500 weltweit.
Keine Spur mehr von der Tristesse in Alès. Der Frühling spielt seine Muskeln aus. Die Landschaft ist grün und hügelig. Ich liebe es. Ein zartes Grün, Blumen, manchmal ein Hauch von Jasmin und Flieder, schüchterne kleine Blätter an den Rebstöcken.
Viele Kilometer später, über Ners, Brignon und Lascours, erreiche ich Moussac. Dem verschlungenen Pfad der Régordane nach wären es morgen über 32 km bis zum Rand von Nîmes. Ein ehrgeiziges Ziel.
Tag 9: Ein Umweg in die Garrigue
Kurs auf Nîmes, aber der Weg scheint andere Pläne für mich zu haben. Der Vormittag beginnt friedlich zwischen Weinreben, so weit das Auge reicht. Ich entscheide mich für einen Abstecher zu den Windungen des Gardon Richtung Dions. Dions, ein ebenso charmantes wie verschlafenes Dorf, dessen Steine von Blauregen geschmückt sind.
Stärkende Mittagspause in La Calmette, und dann wird es ernst. Der Pfad durch die blühende Garrigue verwandelt sich in einen Sportparcours mit unerwarteten Auf- und Abstiegen. Der Höhepunkt? Die rot-weiße Markierung spielt Verstecken. Ein wunderbarer Trostpreis: ein spektakulärer Rundumblick auf den Pic Saint-Loup, den Mont Lozère und den Mont Ventoux!
Eine Abzweigung nach Toulouse? Vielleicht eine Illusion, aber die Via Tolosana wird mich ein andermal begleiten. Nach einigen unfreiwilligen Umwegen kommt mir Google Maps zu Hilfe und führt mich endlich nach Nîmes. Heute sammelt es Punkte im Vergleich zu gestern! Wieder auf einem begehbaren Weg angekommen, erreiche ich die Höhen der Stadt, wo ich endlich etwas trinken und ein paar Worte mit einem Bewohner und seinen Hunden wechseln kann. Die Trinkflasche war fast leer!
Noch sieben Kilometer bis zum Stadtzentrum von Nîmes, laut einem Schild. Erschöpft, aber entschlossen, entscheide ich mich für den Bus zum Hotel. Morgen verspricht ein besonderer Tag zu werden auf dem Weg nach Saint-Gilles, der letzten offiziellen Etappe des GR 700. Werde ich den Mut für diese letzten 30 km aufbringen? Ein Gefühl von Aufregung, gemischt mit Stolz, überkommt mich.
Tag 10: Ankunft am Ende der Régordane
30 Kilometer liegen vor mir auf der Strecke von Nîmes nach Saint-Gilles – die letzte Herausforderung. Aber heute ist die Zielgerade, und ich bin bereit, sie zu erobern!
Der Tag beginnt friedlich in Nîmes mit einem vom Hotel gespendeten Frühstück – ich muss wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben! Ich kann es kaum erwarten, meine Sportkleidung und Wanderschuhe gegen etwas Weiblicheres zu tauschen, egal, das muss bis Montagmorgen in Carry-le-Rouet warten!
Die weiß gepflasterten Gassen und Boutiquen im historischen Zentrum von Nîmes bezaubern mich. Ich wäre gerne noch einen Tag länger geblieben. So viel zu besichtigen, inklusive der Arena. Zu Füßen dieser römischen Überreste versucht eine Gruppe moderner Gladiatoren zu festlicher Musik die Passanten zu beeindrucken. Legionäre und einige andere Soldaten in Paradeuniform. Ein kontrastreiches Bild, das mich nachdenklich stimmt: Werden die jungen Männer mit ihrem perfekten Körper ihr Lächeln ewig behalten?
Es ist Zeit, Nîmes zu verlassen. Die Landschaft bleibt kilometerweit urban und eher gesichtslos. Dann, in Caissargues, entdecke ich ein belebtes Dorf am Rande der Camargue. Auf dem Platz probt eine Jazzband „Summertime“. Der Mistral bläst stark und erinnert mich daran, dass der Sommer noch nicht da ist.
Der Asphalt zieht unter meinen Füßen vorbei, und ich spüre, wie sich die Müdigkeit in meinen Füßen breitmacht. Nach etwa zwanzig Kilometern, in Générac, treten sie in den Streik und weigern sich weiterzugehen. Eine Verhandlung auf Französisch ist nötig: Entweder weitergehen oder barfuß! Schließlich bringt eine einfache Paracetamol 1000 sie zur Vernunft. Man muss zu tricksen wissen, nicht wahr?
Die letzten 10 Kilometer vergehen schnell, getragen vom Versprechen der Obstgärten. Aprikosen- und Pfirsichbäume biegen sich bereits unter der Last der noch grünen Früchte, was mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.
Endlich erreiche ich Saint-Gilles, mein Ziel! Die Voie Régordane, der GR 700, der Saint-Gilles-Weg… 243 Kilometer zurückgelegt! In zehn Tagen! Es ist Wahnsinn! Ich stehe auf den Stufen der Abtei von Saint-Gilles, wo gerade eine Roma-Hochzeit/Taufe in vollem Gange ist – das passt perfekt zu meiner Stimmung: fröhlich und bunt!
Eine kleine Träne läuft mir über die Wange: Mission erfüllt! Morgen fahre ich nach Hause, den Kopf voller Erinnerungen, bereit, daraus die Geschichte meiner Romanfigur zu speisen. In der Zwischenzeit finde ich Unterschlupf im Pilgerhaus – eine Rückkehr in die Kindheit. Schlafen in einem Zimmer für 8 Personen, zum Glück heute Abend nur mit fünf Frauen belegt.
Ein riesiges Dankeschön an alle, die mich ermutigt haben, eure Worte waren meine Energiequelle bis zur Ziellinie! Morgen erwartet mich noch ein Marsch von 20 Kilometern bis zum Bahnhof von Arles, aber für den Moment genieße ich diese Ruhe und diesen kleinen Sieg über mich selbst.
Tag 11: Im Zeichen des Stiers
Was für ein Tag! Aber warum dieser Titel? „Abwarten und Tee trinken“, würden meine Landsleute sagen.
Ihr wollt wissen, wie es weiterging…
4 Stunden und 13 Minuten für 20 km, das ist nicht schlecht, oder? Vor allem, weil ein Mistral wehte, der einem Camargue-Stier die Hörner glattgebügelt hätte. Das war die Dauer meines Fußmarsches von Saint-Gilles nach Arles durch die flache Camargue.
Ich hatte natürlich ein Ziel: nach Hause kommen, den Zug um 13:14 Uhr in Arles erwischen. Geschafft! Das erklärt, warum ich nicht viele Fotos von Reisfeldern oder Wildpferden gemacht habe und auch keine Pause oder Besichtigung in Arles eingelegt habe.
Während ich euch schreibe, sitze ich gemütlich auf dem Sofa, beide Beine unter einer kuscheligen Decke ausgestreckt, meine rosa gefütterten Birkenstocks an den Füßen. Ich trage ein Kleid. Der Rucksack ist geleert. Ich habe dank meines Mannes ein köstliches Essen genossen, und die zweite Waschmaschine läuft. Ein Luxus, den ich seit 11 Tagen nicht mehr kannte.
Warum also der Stier? Ein Link zur Camargue? Zu meiner draufgängerischen Art?
Nein, gar nicht.
In genau dem Moment, als ich am Bahnhof ankam, erfuhr mein Mann, dass er zum dritten Mal Opa geworden ist. Willkommen kleiner Robin, heute Mittag im Sternzeichen Stier geboren.
Ist das Leben nicht schön?
Entdecke auch meine anderen Wanderungen, unter anderem durch das Roya-Tal.
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