Meine Beine spüren noch die 130 Kilometer am Kanal. Ferrari, mein treuer Begleiter der letzten 12 Jahre, schläft nun bei Johanna. Und ich? Ich bin plötzlich frei – frei zum Bummeln, frei für den Hunger und bereit, Toulouse mit ganz anderen Augen zu sehen.
Lange Zeit war Toulouse für mich nur ein abstrakter Begriff. Eine Stadt wie jede andere.
Rosa Backsteine, die Garonne, Unis, Airbus, Rugby, das Capitol, Nougaro.
Doch dann kam das Eintauchen. Zu Fuß durch die Gassen schlendern. Die glückliche Jugend sehen. Autofahrer, die wirklich Rücksicht nehmen. Fahrräder an jeder Ecke. Charmante kleine Läden.
Und dann, im Frühjahr 2025, der Marché Victor Hugo. Dieses Bild hat mich nicht mehr losgelassen. An diesem Wochenende ist die Vorfreude meiner Papillen beim Wiedersehen auf dem absoluten Höhepunkt.
Schon am ersten Abend ist der Ton gesetzt. 3.000 Quadratmeter voller Entdeckungen: die Halles de la Cartoucherie. Ein Mix aus lokalen Spezialitäten und Weltküche.
Zwei Tage später: die Halles des Carmes. Sie erinnern mich seltsamerweise an eine Markthalle in Barcelona. Ein wuseliger Ameisenhaufen, aber schick und überschaubar.
Mein Ziel: Frühstück. Süß oder herzhaft? Die Lösung erscheint in Form eines Pastis Gascon. Nein, das ist kein Anis-Schnaps zum Trinken und auch keine Fleischpastete. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Eigentlich war ich gerade auf dem Trip „gesunde Ernährung“: Salat und Proteine zum Frühstück, keine Kohlenhydrate vor Mittag.
Tja, das war’s dann wohl! Weg mit dem schlechten Gewissen, her mit der gaskognischen Spezialität. Ich muss unbedingt diese Apfeltorte probieren, die in hauchdünne, knusprige Teigblätter gehüllt und mit einem ordentlichen Spritzer Armagnac parfümiert ist. Ein Traum!
Jetzt geht es zum Heiligen Gral der Genießer: dem Marché Victor Hugo. Zu Fuß weniger als zwanzig Minuten, mit dem Auto zehn.
Wir entscheiden uns für das Auto – praktischer für die vollen Taschen. Leider hatten hunderte andere dieselbe Idee. Nach einer Ehrenrunde durch das volle Parkhaus klappt es beim zweiten Anlauf in den oberen Etagen. Heureka!
Wir ziehen durch die Gänge. Gemüsehändler, Metzger, Fischhändler mit der Statur von Rugbyspielern, Weinhändler und Käse-Gurus. Ein lustiger Zufall: Ich stolpere direkt über den Essig von der Côte Bleue – eine echte Perle aus meiner Heimat!
Am Ende entscheide ich mich aber für einen Banyuls-Essig aus dem legendären Grenzort zu Spanien, der für seinen Süßwein berühmt ist.
Wir lassen uns weiter treiben. Ideen für das Abendessen gesucht: Cassoulet? Entenbrust oder Gans? Fisch? Meeresfrüchte? Als meine Tochter den frischen Foie Gras sieht, fangen ihre Augen an zu leuchten.
Das Menü steht. Jetzt fehlen nur noch die Beilagen: frische Erbsen aus der Haute-Garonne, eine Handvoll kleiner Grenaille-Kartoffeln, frische lila Rübchen und Schnittlauch. Und natürlich der erste violette Knoblauch der Saison.
Für das gute Gewissen gibt es Gariguette-Erdbeeren zum Nachtisch. Aber ein Stand weiter zwinkert mir eine fluffige Vanille-Chantilly so verführerisch zu, dass ich nicht nein sagen kann.
Bevor wir gehen, machen wir Pause auf den Stufen vor der Halle (Tische waren absolute Mangelware). Wir genießen feinen Räucherfisch und ein Glas Weißwein. Côtes de Provence für die eine, spritziger Natur-Vouvray für die andere…
Ein Hoch auf die Exzellenz!
Beim Verlassen des Parkhauses dann der Schock: Das Ticket ist weg. Einfach verduftet.
Es zu suchen, wäre wie die Nadel im Heuhaufen. Zur Erinnerung: hunderte Menschen und draußen Windböen, die für die Jahreszeit völlig ungewöhnlich sind. Dass wir dieses Ticket nach über einer Stunde wiederfinden, ist eigentlich unmöglich.
Meine Tochter bleibt entspannt. Ist es jugendliche Sorglosigkeit oder Magie? Ich warte. Nur ein paar Minuten.
Dann taucht sie triumphierend wieder auf: Sie hat ein Ticket auf dem Boden gefunden! Ist es das richtige? Passt es zu ihrem Kennzeichen?
Wir probieren es. Bingo.
Die Moral der Geschichte: In Toulouse ist „la vie en rose“ viel mehr als nur ein vager Begriff. Es ist ein Lebensgefühl.
A guete! 🥨 Genussreise durch das Elsass Das Elsass – ich habe dort gelebt und kehre regelmäßig zurück. Nicht als eilige Touristin, sondern als Mama und Oma.…